ROQ News Das Nachrichtenportal der Perspektiven
← Zurück zu ROQ News
Innovation ROQ Analyse

Deutschland verschwendet Talent: Wenn der „Streber“ ausgelacht und der Maurer unterschätzt wird

Bestätigte Informationen

Was ist passiert?

Die neuen PISA-Ergebnisse 2025, veröffentlicht im September 2026, geben Deutschland einen ernüchternden Ausgangspunkt.

Die durchschnittlichen Leistungen der 15-Jährigen gingen gegenüber 2022 in Mathematik und Lesen weiter zurück. In Naturwissenschaften blieben sie ungefähr stabil.

Über den längeren Zeitraum betrachtet waren die Ergebnisse 2025 jedoch in allen drei Bereichen die niedrigsten, die Deutschland seit seiner Teilnahme an PISA erreicht hat. Gleichzeitig ist der Anteil leistungsschwächerer Schülerinnen und Schüler seit 2015 deutlich gestiegen.

In Mathematik erreichen nur noch rund 66 Prozent mindestens Kompetenzstufe 2. In Naturwissenschaften sind es rund 73 Prozent. Die deutschen Ergebnisse liegen insgesamt inzwischen nahe am OECD-Durchschnitt.

Das allein wäre bereits eine wichtige Nachricht, aber eine andere Zahl ist für unsere Diskussion vielleicht noch spannender.

77 Prozent der deutschen Jugendlichen sagen, dass sie auf viele unterschiedliche Dinge neugierig sind.

64 Prozent geben an, dass sie sich bei schwierigen Aufgaben besonders anstrengen.

Gleichzeitig stimmen 33 Prozent der Aussage zu, dass Schule für sie Zeitverschwendung gewesen sei.

2022 waren es noch vier Prozentpunkte weniger.

Das ergibt einen bemerkenswerten Widerspruch.

Die Neugier ist da.

Die Bereitschaft, etwas zu lernen, ist bei vielen ebenfalls da und trotzdem erlebt ein erheblicher Teil der Jugendlichen Schule nicht als besonders wertvoll.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen:

„Warum lernen Kinder schlechter?“

Sondern auch:

„Wie lernen wir eigentlich... und welche Fähigkeiten erkennen wir dabei überhaupt als Leistung an?“

Der Ausbildungsmarkt zeigt gleichzeitig ein zweites Problem

2025 wurden in Deutschland rund 476.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen.

Das waren 2,1 Prozent weniger als im Vorjahr.

Gleichzeitig blieben rund 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt.

Und trotzdem waren zum Stichtag noch rund 84.400 junge Menschen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Das klingt zunächst widersprüchlich.

Betriebe suchen, Jugendliche suchen und trotzdem finden viele nicht zusammen.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung spricht deshalb ausdrücklich von beruflichen und regionalen Passungsproblemen.

Auch hier lautet die Frage also nicht einfach:

„Warum wollen Jugendliche nicht arbeiten?“

Die Realität ist komplizierter.

Welche Berufe kennen Jugendliche?

Welche Fähigkeiten trauen sie sich zu?

Welche Vorstellungen besitzen sie von bestimmten Branchen?

Wo befinden sich die Ausbildungsplätze?

Welche Abschlüsse werden verlangt?

Und welche Vorstellung vermittelt Schule davon, was ein erfolgreicher Lebensweg überhaupt sein kann?

ROQ News

ROQ Einordnung – Warum ist diese Nachricht wichtig?

Hier beginnt unsere eigentliche These.

Deutschland behandelt Bildung teilweise noch immer wie eine Leiter.

Oben: Studium.

Darunter: Ausbildung.

Und irgendwo darunter: körperliche oder praktische Arbeit.

Gleichzeitig existiert auf Schulhöfen und teilweise gesellschaftlich das gegenteilige Phänomen:

Wer besonders viel lernt, besonders ehrgeizig ist oder sich freiwillig intensiv mit einem Thema beschäftigt, kann als „Streber“ abgewertet werden.

Wie häufig das tatsächlich geschieht, können wir mit den aktuellen Statistiken nicht seriös beziffern, aber das kulturelle Muster ist bekannt:

Zu viel Ehrgeiz wirkt uncool.

Und praktische Arbeit gilt an anderer Stelle wiederum als weniger prestigeträchtig.

Das Ergebnis ist absurd.

Ein Kind, das lernen will, sagen wir:

„Übertreib nicht.“

Ein Kind, das bauen will, sagen wir:

„Du solltest etwas Besseres machen.“

Und anschließend beklagen wir gleichzeitig:

schwächere schulische Leistungen, fehlende Facharbeiter, fehlende Ingenieure, fehlenden Nachwuchs, fehlende Innovation.

Vielleicht sollten wir anfangen, den Zusammenhang zu sehen.

Bildung braucht Grundlagen... aber keinen Standardmenschen

Das bedeutet ausdrücklich nicht:

Jeder soll einfach machen, worauf er Lust hat.

Lesen bleibt unverzichtbar, Schreiben bleibt unverzichtbar, Mathematik bleibt unverzichtbar, Naturwissenschaftliche Grundlagen bleiben unverzichtbar.

Auch ein Maurer muss rechnen.

Ein Elektroniker muss physikalische Zusammenhänge verstehen.

Ein Unternehmer muss Zahlen verstehen.

Ein Programmierer braucht logisches Denken.

Und ein Forscher benötigt Fachwissen.

Individualität darf kein Ersatz für Kompetenz sein.

Aber aus gemeinsamen Grundlagen folgt nicht, dass alle Menschen anschließend auf dieselbe Art lernen, denken und arbeiten müssen.

Ein Bildungssystem kann sagen:

Diese Grundlagen braucht jeder.

Und gleichzeitig:

Jetzt finden wir heraus, worin du besonders stark bist.

Genau diese zweite Ebene fehlt häufig.

Denn Kreativität sieht nicht immer kreativ aus

Bei Kreativität denken viele zuerst an Kunst.

Malen, Musik, Design, Schreiben, doch Kreativität ist wesentlich größer.

Der Programmierer, der einen eleganteren Algorithmus findet, ist kreativ.

Die Handwerkerin, die auf einer Baustelle für eine unerwartete Situation eine funktionierende Lösung entwickelt, ebenfalls.

Ein Maschinenbauer ist kreativ, eine Wissenschaftlerin auch, ein Unternehmer, der ein neues Geschäftsmodell entwickelt, ein Koch, eine Pflegekraft, die einen besseren Ablauf findet, ein Mechatroniker, der einen Fehler entdeckt, den das Diagnosesystem nicht erkennt.

Kreativität bedeutet im Kern: vorhandenes Wissen nutzen, um eine neue brauchbare Lösung zu erzeugen.

Und genau diese Fähigkeit wird in einer Welt mit KI sogar wichtiger, denn wenn Maschinen immer mehr Standardaufgaben übernehmen können, steigt der Wert der Menschen, die erkennen:

Was ist eigentlich das Problem?

Der Bau ist ein perfektes Beispiel

Wer heute beim Wort Bau nur an Schaufel, Beton und körperliche Schwerstarbeit denkt, sieht einen Teil der Branche, aber nicht mehr die ganze.

Die Ausbildungsinhalte für 19 Bauberufe wurden zum 1. August 2026 bundesweit grundlegend modernisiert.

Die bisherige Ausbildungsordnung stammte aus dem Jahr 1999.

Neu beziehungsweise stärker berücksichtigt werden unter anderem:

technischer Fortschritt, Bauen im Bestand, Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, Klimaschutz und neue Materialien.

Der moderne Bau ist zunehmend ebenfalls:

digitale Planung, Maschinensteuerung, Vermessung, BIM, Drohnen, Automatisierung, energieeffiziente Gebäudetechnik, neue Werkstoffe und industrielle Fertigung.

Wer solche Berufe pauschal als Arbeit für Menschen behandelt, die „in der Schule nicht gut genug waren“, versteht weder diese Berufe noch die kommende Wirtschaft.

Und das Interesse am Bau steigt teilweise bereits wieder

Ende 2025 gab es in der Bauwirtschaft rund 40.040 Auszubildende.

Das waren 5,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Die Zahl der gewerblichen Neuzugänge stieg sogar um 14,8 Prozent auf 12.290.

Gleichzeitig liegt die gesamte Zahl der Auszubildenden weiterhin rund 60 Prozent unter dem Niveau von 1995, und nach Einschätzung der Branche reichen die Nachwuchszahlen noch nicht aus, um altersbedingte Abgänge vollständig zu ersetzen.

Das Bild lautet also nicht:

„Niemand will mehr auf den Bau.“

Das Bild ist differenzierter.

Es gibt wieder mehr Interesse, aber der langfristige Nachwuchsbedarf bleibt groß.

Und Ausbildung insgesamt hat gar nicht das miserable Image, das manchmal behauptet wird

Auch hier sollten wir nicht die nächste einfache Geschichte erfinden.

Eine repräsentative Bertelsmann-Befragung aus 2026 kommt zu einem überraschend positiven Ergebnis:

90 Prozent der Auszubildenden sind mit ihrer Ausbildung zufrieden.

87 Prozent würden ihren Ausbildungsberuf erneut wählen.

Auch unter Schülerinnen und Schülern genießt berufliche Ausbildung grundsätzlich ein gutes Ansehen und gehört weiterhin zu den beliebtesten Bildungswegen nach der Schule.

Das Problem lautet also nicht:

„Die Jugend lehnt Ausbildung ab.“

Vielmehr treffen unterschiedliche Probleme aufeinander:

Orientierung, Zugang, regionale Unterschiede, Vorstellungen über Berufe, schulische Voraussetzungen, gesellschaftliche Statusbilder und individuelle Interessen.

Genau deshalb brauchen wir kein einfaches Konzept.

Wir brauchen ein System unterschiedlicher Wege.

Auswirkungen auf Unternehmen, Arbeitnehmer und Kommunen

Für Unternehmen: Der Lebenslauf darf nicht wichtiger sein als das Talent

Unternehmen sprechen ständig vom Fachkräftemangel, dann müssen sie sich ebenfalls eine unbequeme Frage stellen:

Wie viele geeignete Menschen sortieren wir selbst aus?

Weil der Abschluss nicht perfekt passt.

Weil ein ungewöhnlicher Lebenslauf vorliegt.

Weil jemand hervorragend praktisch arbeitet, aber schlechter in schriftlichen Bewerbungen ist, oder umgekehrt:

Weil jemand enormes theoretisches Talent besitzt, aber noch wenig Berufserfahrung.

In einer Innovationswirtschaft sollten Unternehmen nicht ausschließlich fragen:

„Welche Bescheinigung besitzt diese Person?“

Sondern auch:

„Was kann dieser Mensch tatsächlich außergewöhnlich gut?“

Das bedeutet nicht, Qualifikationen abzuschaffen.

Bei vielen Berufen sind sie zwingend notwendig, aber Qualifikation und Talent sind nicht exakt dasselbe.

Die besten Teams entstehen häufig gerade dann, wenn unterschiedliche Fähigkeiten zusammenkommen.

Ingenieur + Facharbeiter.

Programmierer + Maschinenbauer.

Designer + Produktion.

Forscher + Vertrieb.

Hochschule + Handwerk.

Innovation braucht Schnittstellen.

Unternehmen könnten deshalb viel früher sichtbar werden

Berufsorientierung beginnt häufig kurz vor dem Schulabschluss, dass ist zu spät.

Ein zwölfjähriges Kind muss natürlich noch keinen Arbeitsvertrag auswählen, aber es sollte erleben können:

Wie sieht eine Baustelle heute aus?

Was macht eine Mechatronikerin?

Wie funktioniert ein Labor?

Was macht ein Entwickler?

Wie arbeitet ein Schreiner?

Was geschieht in einer Hochschule?

Wie programmiert man einen Roboter?

Wie baut man einen Stromkreis?

Was macht eigentlich ein Ingenieur?

Nicht als Werbeveranstaltung, sondern als Entdeckungsraum.

Damit ein junger Mensch überhaupt eine Vorstellung davon entwickeln kann:

„Das könnte meine Welt sein.“

Klar — den Arbeitnehmer-Teil würde ich deutlich stärker machen. Nicht gegen Arbeitnehmer gerichtet, sondern mit der Botschaft: Auch Beschäftigte können sich nicht darauf verlassen, dass Berufswege und Arbeitsmodelle von gestern automatisch bis zur Rente bestehen bleiben.

Für Arbeitnehmer: Nicht auf eine Arbeitswelt warten, die so nicht mehr zurückkommt

Auch Arbeitnehmer müssen ihren Blick stärker nach vorne richten.

Viele Vorstellungen von Arbeit stammen noch aus einer Zeit, in der ein typischer Lebenslauf relativ planbar war:

Ausbildung oder Studium, ein Beruf, ein Unternehmen, eine klar definierte Tätigkeit.

Vielleicht einige Weiterbildungen und irgendwann Rente.

Diese Arbeitswelt verschwindet nicht vollständig, aber sie verändert sich.

KI übernimmt erste Wissens- und Routinetätigkeiten.

Maschinen werden intelligenter.

Software automatisiert Abläufe.

Berufsbilder verschmelzen.

Neue Technologien entstehen schneller.

Und Kenntnisse, die heute wertvoll sind, können in einigen Jahren selbstverständlich oder teilweise automatisiert sein.

Deshalb wird es gefährlich, sich ausschließlich auf den Satz zu verlassen:

„Das haben wir schon immer so gemacht.“

Das gilt für Unternehmen, aber genauso für Arbeitnehmer.

Die entscheidende Fähigkeit der kommenden Arbeitswelt könnte deshalb nicht darin bestehen, einen Beruf einmal perfekt gelernt zu haben, sondern darin:

immer wieder Neues lernen zu können.

Ein Maurer arbeitet künftig vielleicht stärker mit digitalen Bauplänen, Vermessungssystemen und automatisierten Maschinen.

Ein Elektroniker beschäftigt sich mit vernetzten Gebäuden, Energiespeichern und intelligenter Steuerung.

Eine Bürokraft arbeitet mit KI-Assistenten.

Ein Mechatroniker verbindet Mechanik, Elektronik, Software und Daten.

Eine Pflegekraft arbeitet zunehmend mit digitalen Dokumentations- und Assistenzsystemen.

Und ein Entwickler muss vielleicht Technologien beherrschen, die während seiner Ausbildung noch gar nicht existierten.

Das bedeutet nicht, dass bisheriges Wissen wertlos wird.

Im Gegenteil.

Erfahrung + neue Technologie kann zu einer enorm starken Kombination werden.

Problematisch wird es erst, wenn Erfahrung zur Begründung dafür wird, nichts Neues mehr lernen zu müssen.

Beschäftigungssicherheit entsteht zunehmend durch Anpassungsfähigkeit

Früher konnte Sicherheit bedeuten:

„Ich habe einen sicheren Arbeitsplatz.“

Zukünftig könnte Sicherheit stärker bedeuten:

„Ich besitze Fähigkeiten, mit denen ich auch dann noch gebraucht werde, wenn sich mein Arbeitsplatz verändert.“

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Die Aufgabe kann verschwinden.

Die Software kann wechseln.

Das Unternehmen kann sich verändern.

Aber wer gelernt hat:

neue Werkzeuge zu verstehen, Probleme zu lösen, mit Technologie zusammenzuarbeiten, Wissen selbstständig aufzubauen und Veränderungen nicht automatisch als Bedrohung zu betrachten, nimmt einen Teil seiner beruflichen Sicherheit mit sich selbst mit.

Das gilt besonders für KI

KI sollte deshalb weder als Wunderwaffe noch ausschließlich als Jobvernichter betrachtet werden.

Für Arbeitnehmer lautet die wichtigere Frage:

„Was kann diese Technologie in meinem Beruf verändern... und wie kann ich lernen, mit ihr zu arbeiten, bevor ich dazu gezwungen werde?“

Wer wartet, bis ein Arbeitgeber irgendwann sagt:

„Ab Montag läuft der Prozess anders“,

reagiert.

Wer vorher beginnt:

auszuprobieren, zu lernen, Weiterbildungen zu nutzen, neue Werkzeuge zu verstehen und das eigene Berufsbild weiterzuentwickeln, gestaltet.

Und genau diesen Wechsel braucht Deutschland.

Weg von: „Mein Beruf funktioniert seit zwanzig Jahren so.“

Hin zu:

„Welche Fähigkeiten brauche ich, damit ich ihn auch in zehn Jahren noch auf hohem Niveau ausüben kann?“

Zukunft bedeutet dabei nicht, alles Alte wegzuwerfen

Auch das ist wichtig.

Ein erfahrener Handwerker muss nicht plötzlich Softwareentwickler werden.

Eine Pflegekraft muss kein KI-Ingenieur werden.

Ein Bauarbeiter muss nicht zum Datenwissenschaftler werden.

Die Zukunft entsteht vielmehr an den Schnittstellen.

Fachwissen + neue Werkzeuge.

Erfahrung + Digitalisierung.

Handwerk + Technologie.

Menschliches Urteil + KI.

Genau dort können Arbeitnehmer einen enormen Vorteil besitzen.

Denn Technologie kennt vielleicht den theoretisch optimalen Ablauf.

Der erfahrene Mensch erkennt oft:

Warum er in der Realität gerade nicht funktioniert.

Diese Erfahrung bleibt wertvoll.

Sie muss nur mit der neuen Arbeitswelt verbunden werden

Für Kommunen: Talentförderung darf nicht bei Gymnasium und Hochschule aufhören

Auch Städte und Landkreise können daraus etwas ableiten.

Eine moderne Bildungsregion braucht nicht nur:

Schulen, Hochschulen, Ausbildungsbetriebe, sondern Verbindungen dazwischen.

KinderUni, Makerspace, Handwerksbetrieb, Industrieunternehmen, Schülerforschungszentrum, Berufsschule, Jugendzentrum, Bibliothek, Hochschule, Ausbildungszentrum.

Wenn diese Orte miteinander verbunden werden, entsteht eine regionale Entdeckungsroute für Talente.

Ein Kind kann wissenschaftliche Forschung kennenlernen.

Ein anderes entdeckt Holz.

Ein anderes Robotik.

Ein anderes Pflege.

Ein anderes Programmierung.

Ein anderes Bau.

Und einige entdecken erst durch die Kombination etwas völlig Neues.

Genau darum geht es.

Nicht jedem Kind dieselbe Zukunft zeigen.

Sondern jedem Kind genug Zukunft zeigen, um seine eigene entdecken zu können.

Neutrale Einordnung

Chancen & Risiken

Potenziale und mögliche Zielkonflikte werden bewusst nebeneinandergestellt.

Chancen

Vielleicht steckt genau hier die größte Chance.

Stellen wir uns Schule nicht nur als Ort vor, an dem Wissen übertragen wird, sondern zusätzlich als Ort, an dem Menschen herausfinden:

Wie denke ich eigentlich?

Bin ich stark darin, komplexe Texte zu verstehen?

Kann ich räumlich außergewöhnlich gut denken?

Kann ich Dinge bauen?

Erkenne ich Muster?

Kann ich Menschen führen?

Bin ich technisch neugierig?

Kann ich gestalten?

Kann ich logisch analysieren?

Kann ich Dinge erklären?

Kann ich verkaufen?

Das bedeutet nicht, Kindern mit zwölf einen Beruf aufzudrücken.

Im Gegenteil.

Es bedeutet, ihnen genug unterschiedliche Erfahrungen zu geben, damit sie sich nicht zu früh selbst begrenzen.

Wir könnten „Streber“ zu einem Kompliment machen

Warum behandeln wir intensive Neugier überhaupt manchmal als etwas Peinliches?

Wenn ein Jugendlicher fünf Stunden Fußball trainiert, nennen wir das Ehrgeiz.

Wenn jemand stundenlang Klavier übt:

Disziplin.

Wenn jemand stundenlang Mathematik, Biologie oder Programmierung lernt:

manchmal „Streber“.

Warum?

Eine Innovationsgesellschaft sollte einem Kind, das sich tief in ein Thema verbeißt, nicht beibringen:

„Mach dich kleiner.“

Sondern:

„Geh weiter. Finde heraus, wie gut du werden kannst.“

Dasselbe gilt für praktische Talente.

Das Kind, das ständig Dinge auseinandernimmt, repariert oder baut, ist nicht weniger begabt.

Vielleicht zeigt sich seine Intelligenz einfach anders.

Risiken

Das ist die erste wichtige Grenze.

Wenn wir Bildung öffnen, dürfen wir nicht sagen:

„Mathe liegt ihm halt nicht.“

und damit grundlegende mathematische Fähigkeiten abschreiben.

Oder:

„Lesen interessiert sie nicht.“

also muss sie es nicht beherrschen.

Das wäre fatal.

Gerade die aktuellen PISA-Zahlen zeigen, dass Deutschland ein ernstes Problem bei Grundkompetenzen hat.

Die richtige Formel lautet deshalb nicht:

Grundlagen oder Talente.

Sondern:

Grundlagen + Talente.

Jeder braucht ein stabiles Fundament, aber auf diesem Fundament dürfen sehr unterschiedliche Häuser entstehen.

Das zweite Risiko... wir dürfen die Hierarchie nicht einfach umdrehen

Wenn man akademische Überhöhung kritisiert, passiert schnell das Gegenteil:

„Studierte können sowieso nichts Praktisches.“

„Handwerker können wenigstens richtig arbeiten.“

Das wäre derselbe Fehler in einer anderen Richtung.

Ein exzellenter Wissenschaftler verdient Anerkennung.

Ein hervorragender Handwerker ebenfalls.

Ein Arzt, eine Pflegekraft, ein Programmierer, eine Bauingenieurin. ein Maurer, eine Unternehmerin.

Der Wert entsteht nicht aus dem Etikett.

Sondern daraus:

Wie gut beherrscht jemand seine Aufgabe... und welchen Beitrag leistet er im Zusammenspiel mit anderen?

Wir brauchen keine neue gesellschaftliche Rangordnung.

Wir brauchen weniger Rangordnung.

Das dritte Risiko... Talentförderung darf soziale Unterschiede nicht verstärken

Wer Eltern besitzt, die Hochschule, Technik, Kultur und Unternehmen gut kennen, bekommt häufig automatisch mehr Einblicke.

Andere Kinder erleben diese Welten kaum.

Wenn wir unterschiedliche Talente entdecken wollen, müssen Angebote deshalb auch diejenigen erreichen, die nicht bereits von zu Hause aus jede Möglichkeit kennen.

Genau deshalb sind:

Schulen, öffentliche Makerspaces, Kinder-Unis, Betriebsbesuche, Schülerlabore und kommunale Angebote so wichtig.

Talent ist überall verteilt.

Zugang zu Möglichkeiten nicht.

Perspektivenwechsel

Kinder bekommen diese Frage ständig:

„Was willst du später einmal werden?“

Vielleicht ist sie viel zu früh viel zu groß.

Ein zehnjähriges Kind muss nicht wissen, welchen Beruf es 15 Jahre später ausübt.

Vielleicht sollten wir zuerst fragen:

Was machst du gerne?

Was möchtest du verstehen?

Was kannst du stundenlang machen, ohne dass dich jemand dazu zwingt?

Was fällt dir leicht?

Was fällt dir schwer... interessiert dich aber trotzdem?

Was möchtest du ausprobieren?

Welche Probleme faszinieren dich?

Dann entsteht Berufswahl später nicht aus einer Liste, sondern aus Erfahrung.

Das wäre eine andere Bildungslogik.

Erst entdecken, dann vertiefen, dann Kompetenz entwickeln und irgendwann:

Beruf daraus machen.

Denn der Mathematiker und der Maurer brauchen einander

Nehmen wir eine Brücke.

Jemand berechnet sie, jemand plant sie, jemand untersucht das Material, jemand fertigt Bauteile, jemand steuert Maschinen, jemand montiert, jemand prüft, jemand wartet, jemand entwickelt Sensoren für die Zustandsüberwachung, jemand programmiert die Auswertung.

Wer davon hat die Brücke gebaut?

Alle.

Und genau so funktioniert moderne Wirtschaft.

Die Vorstellung, ein Beruf sei grundsätzlich „höher“ als ein anderer, zerbricht spätestens dort, wo eine Wertschöpfungskette ohne einen einzigen dieser Menschen nicht mehr funktioniert.

Was wir wissen

Die PISA-Ergebnisse 2025 zeigen für Deutschland die niedrigsten bisher gemessenen Leistungen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften über die jeweilige deutsche PISA-Zeitreihe. In Mathematik und Lesen verschlechterten sich die Ergebnisse gegenüber 2022, in Naturwissenschaften blieben sie ungefähr stabil.

Gleichzeitig beschreiben sich 77 Prozent der deutschen 15-Jährigen als neugierig auf viele unterschiedliche Dinge. 33 Prozent stimmen jedoch der Aussage zu, Schule sei Zeitverschwendung gewesen.

Auf dem Ausbildungsmarkt blieben 2025 54.400 Stellen unbesetzt, während gleichzeitig rund 84.400 junge Menschen weiterhin nach einer Ausbildungsstelle suchten. Das BIBB verweist auf berufliche und regionale Passungsprobleme.

Berufliche Ausbildung besitzt dabei kein grundsätzlich schlechtes Image: In der repräsentativen Studie „Ausbildungsperspektiven 2026“ waren 90 Prozent der befragten Auszubildenden zufrieden, 87 Prozent würden ihren Beruf erneut wählen.

Die Ausbildung in 19 Bauberufen wurde zum 1. August 2026 grundlegend modernisiert und stärker an technologische Entwicklung, Energieeffizienz, Bauen im Bestand, Klimaschutz und Nachhaltigkeit angepasst.

Und die Zahl der Auszubildenden in der Bauwirtschaft stieg 2025 auf rund 40.040, nachdem sie zuvor mehrere Jahre rückläufig gewesen war.

Was noch unklar ist

Wir besitzen keine belastbare nationale Zahl dafür, wie viele Kinder wegen guter Leistungen tatsächlich als „Streber“ abgewertet werden.

Ebenso können wir nicht seriös beziffern, wie viele Jugendliche einen handwerklichen Beruf allein wegen gesellschaftlichen Prestiges ausschließen.

Deshalb bleibt die Aussage:

„Wir machen unterschiedliche Formen von Begabung gesellschaftlich zu häufig klein“

eine redaktionelle Einordnung.

Auch die schlechten PISA-Werte haben nicht nur eine Ursache.

Sozioökonomische Unterschiede, Unterricht, familiäre Voraussetzungen, Sprachkompetenz, Schulstruktur, Lehrkräfte, Motivation und viele weitere Faktoren spielen zusammen.

Die Daten zeigen allerdings deutlich:

Wir haben gleichzeitig ein Problem bei schulischen Grundkompetenzen, ein Passungsproblem im Ausbildungsmarkt und einen hohen Bedarf an sehr unterschiedlichen Qualifikationen.

Genau deshalb lohnt sich die Frage, wie wir Talent künftig definieren.

Was als Nächstes wichtig wird

Das notwendige Umdenken lautet nicht:

Schule abschaffen.

Nicht:

Alle ins Handwerk.

Und auch nicht:

Alle an die Universität.

Die spannendere Idee lautet:

Gemeinsame Grundlagen. Unterschiedliche Entwicklungswege. Mehr Verbindungen.

Mehr Wissenschaft in Schulen, mehr Handwerk in Schulen, mehr Unternehmen in Bildungsprojekten, mehr Hochschule für Kinder, mehr Werkstatt für theoretisch starke Schüler, mehr Technik für praktisch Begabte, mehr Programmieren im Handwerk, mehr reale Probleme im Unterricht.

Und mehr Möglichkeiten, zwischen Bildungswegen zu wechseln, denn eine Welt mit KI, Robotik, Biotechnologie, Energiewende und neuer Industrie wird keine Menschen brauchen, die alle exakt dasselbe können.

Sie braucht Menschen, die unterschiedliche Dinge sehr gut können und miteinander arbeiten können.

ROQ News

Einordnung von ROQ News

Vielleicht machen wir es uns in Deutschland manchmal zu kompliziert.

Wir reden über:

Akademisierung, Fachkräftemangel, PISA, Ausbildung, Handwerk, Innovation, Schulreformen.

Dabei hängen diese Themen enger zusammen, als es zunächst scheint.

Eine innovative Gesellschaft beginnt nicht erst im Forschungsinstitut.

Sie beginnt damit, wie wir einem Kind begegnen.

Dem Kind, das jeden Tag freiwillig liest:

Lies weiter.

Dem Kind, das stundenlang mathematische Probleme löst:

Mach weiter.

Dem Kind, das alles auseinanderbaut:

Bau weiter.

Dem Kind, das lieber etwas mit den Händen erschafft:

Lerne dein Handwerk richtig gut.

Dem Kind, das programmieren möchte:

Probier es aus.

Und dem Kind, das noch keine Ahnung hat:

Wir zeigen dir genügend Möglichkeiten, bis du etwas findest.

Das ist keine Kuschelpädagogik.

Im Gegenteil.

Danach beginnt die anspruchsvolle Arbeit.

Üben. Lernen. Fehler machen. Besser werden. Disziplin entwickeln. Kompetenz aufbauen.

Individualität bedeutet nicht weniger Anspruch.

Sie bedeutet:

den Anspruch an der richtigen Stelle zu setzen.

Deutschland braucht Spitzenforscher, Spitzenhandwerker, Spitzeningenieure, Spitzenprogrammierer, hervorragende Pflegekräfte, gute Unternehmer, gute Lehrer und Menschen, die diese Welten miteinander verbinden.

Unsere Zukunft entsteht nicht aus einem starren Bildungsmodell, in das möglichst alle hineinpassen müssen.

Sie entsteht aus einem System, das Grundlagen sichert und anschließend unterschiedliche Talente nicht gegeneinander bewertet, sondern miteinander produktiv macht.

Vielleicht ist das eigentliche Umdenken deshalb überraschend einfach:

Der Streber ist nicht das Problem.

Der Maurer ist nicht der Plan B.

Das Problem entsteht erst, wenn wir einem der beiden erklären, seine Art von Talent sei weniger wert.

Autor

Michael Langner

Gründer & CEO von Cast Royal
Verantwortliche Redaktion

Michael Langner

Gründer & CEO von Cast Royal

Quellen

  1. Sonstige · veröffentlicht 08.09.2026 · abgerufen 02.10.2026
  2. Angespannte Lage auf dem Ausbildungsmarkt – Bundesinstitut für Berufsbildung
    Fachmedium · veröffentlicht 17.12.2025 · abgerufen 02.10.2026
  3. Der Ausbildungsmarkt im Jahr 2025 – Bundesinstitut für Berufsbildung
    Fachmedium · veröffentlicht 10.12.2025 · abgerufen 02.10.2026
  4. Neuordnung Bauberufe – Das deutsche Baugewerbe
    Sonstige · abgerufen 02.10.2026
  5. Sonstige · veröffentlicht 23.07.2026
ROQ Verified
KI-unterstützt erstellt Menschlich geprüft Redaktionell freigegeben
Verantwortung & Vertrauen

KI-Transparenz

ROQ News nutzt Künstliche Intelligenz als Werkzeug für Recherche, Strukturierung und Formulierung. Alle Inhalte werden vor der Veröffentlichung durch Cast Royal geprüft, eingeordnet und redaktionell verantwortet.

Wir ersetzen keine Menschen durch KI. Wir nutzen KI, um bessere Inhalte zu erstellen... die Verantwortung bleibt beim Menschen.
Redaktionell geprüft Stand: 02.10.2026
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind. Zur Datenschutzerklärung