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Wer Menschen halten will, muss Gründe schaffen… Warum wirtschaftsschwache Regionen anders denken müssen

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Was ist passiert?

Deutschlands Regionen entwickeln sich wirtschaftlich weiterhin sehr unterschiedlich.

Der Deutschlandatlas zeigt für 2023 eine enorme Spannweite bei der Wirtschaftsleistung: Während beispielsweise Ingolstadt und Wolfsburg auf mehr als 175.000 Euro BIP je Erwerbstätigem kamen, lagen verschiedene Regionen in Thüringen, Sachsen, Rheinland-Pfalz und an der Ostsee unter 75.000 Euro. Der deutsche Durchschnitt lag bei rund 91.000 Euro.

Wichtig ist dabei:

Ländlich bedeutet nicht automatisch wirtschaftsschwach.

Deutschland besitzt zahlreiche wirtschaftsstarke ländliche Räume mit:

Hidden Champions, Industrie, Mittelstand, Exportwirtschaft und hoher Produktivität.

Das Bundesbauministerium weist selbst darauf hin, dass gerade im Südwesten Deutschlands viele international erfolgreiche Unternehmen außerhalb der großen Metropolen sitzen.

Das eigentliche Problem lautet deshalb nicht:

Stadt gegen Land.

Sondern:

Regionen mit Perspektive gegen Regionen mit zu wenigen Entwicklungsmöglichkeiten.

Und dieser Unterschied kann sich selbst verstärken.

Wenn Menschen gehen, gehen nicht nur Menschen

Ein 22-Jähriger verlässt eine Region zunächst als einzelne Person, aber möglicherweise nimmt er mit:

Arbeitskraft, Kaufkraft, Steuereinnahmen, Gründungspotenzial, Kinder, die später möglicherweise dort geboren worden wären. Dazu Kontakte, Ideen, Fachwissen und irgendwann vielleicht eine Unternehmensgründung.

Das wird besonders relevant, weil Deutschlands Gründerlandschaft inzwischen ausgesprochen jung ist.

2025 waren laut KfW 40 Prozent der Gründerinnen und Gründer jünger als 30 Jahre. Das Durchschnittsalter sank auf 34,2 Jahre; mehr als ein Fünftel der jungen Gründer startete aus dem Studium heraus.

Das bedeutet:

Wenn eine Region die Altersgruppe verliert, aus der überproportional viele neue Gründer kommen, kann das langfristig auch ihre wirtschaftliche Erneuerung erschweren.

Nicht jeder Weggezogene hätte gegründet.

Natürlich nicht, aber die Wahrscheinlichkeit, dass neue Unternehmen, Ideen und Netzwerke dort entstehen, wo junge qualifizierte Menschen zusammenkommen, ist offensichtlich wirtschaftlich relevant.

Genau hier entsteht ein Kreislauf

Weniger wirtschaftliche Dynamik.

↓

Weniger attraktive Arbeitsplätze.

↓

Junge Menschen ziehen weg.

↓

Weniger Fachkräfte und potenzielle Gründer.

↓

Unternehmen investieren schwieriger.

↓

Weniger neue Angebote.

↓

Region wird für weitere Menschen weniger attraktiv.

Dieser Kreislauf ist nicht zwangsläufig, aber Regionen müssen ihn aktiv durchbrechen, denn Deutschland steht gleichzeitig vor einem demografischen Problem.

KfW Research rechnet langfristig mit einer um rund 10 Prozent schrumpfenden Bevölkerung bis 2070. Besonders bis 2035 verstärkt der Renteneintritt der Babyboomer den Druck auf Arbeitsmarkt, Unternehmen und Kommunen. Schrumpfende Gemeinden müssen gleichzeitig Infrastruktur für weniger Einwohner finanzieren und kämpfen selbst mit Personalmangel.

Dann wird regionale Attraktivität zu einem echten Wettbewerb.

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ROQ Einordnung – Warum ist diese Nachricht wichtig?

Vielleicht müssen wirtschaftsschwächere Regionen zunächst eine unbequeme Wahrheit akzeptieren:

Menschen schulden ihrem Geburtsort keine wirtschaftliche Loyalität.

Ein junger Mensch muss nicht bleiben, weil:

seine Eltern dort wohnen, er dort geboren wurde, oder die Kommune Arbeitskräfte benötigt.

Wenn jemand anderswo:

mehr lernen, mehr verdienen, besser gründen, oder seine Fähigkeiten stärker entwickeln kann, ist Weggehen eine nachvollziehbare Entscheidung.

Das gilt übrigens genauso international.

Deutschland möchte Fachkräfte aus anderen Ländern gewinnen.

Warum sollte gleichzeitig erwartet werden, dass Menschen innerhalb Deutschlands niemals dorthin ziehen, wo sie bessere Möglichkeiten sehen?

Mobilität gehört zu einer offenen Volkswirtschaft.

Deshalb ist „Wir müssen unsere Jugend hierhalten“ die falsche Sprache

Menschen sind kein kommunaler Besitz.

Die bessere Frage lautet:

Was können wir so gut machen, dass Menschen freiwillig bleiben?

Und noch wichtiger:

Was können wir so gut machen, dass Menschen zurückkommen?

Denn eine Region muss nicht jeden 19-Jährigen dauerhaft halten.

Vielleicht ist es sogar gut, wenn junge Menschen:

studieren, reisen, in anderen Unternehmen arbeiten, andere Städte kennenlernen, andere Märkte sehen.

Das Problem beginnt erst, wenn nach zehn Jahren keiner einen Grund sieht zurückzukommen.

Eine intelligente Regionalstrategie könnte deshalb ganz anders denken:

Nicht:

Bleib hier.

Sondern:

Geh ruhig raus. Sammle Erfahrung. Aber wir bauen hier etwas auf, zu dem es sich irgendwann zurückzukommen lohnt.

Das ist ein vollkommen anderes Selbstverständnis.

Wirtschaftsschwache Regionen dürfen nicht versuchen, München zu kopieren

Der zweite Denkfehler lautet:

Wenn München erfolgreich ist, brauchen wir auch:

Start-up-Campus, Coworking-Space, KI-Hub, Innovation Center, Tech-Konferenz und am besten alles gleichzeitig.

Aber regionale Innovation funktioniert nicht durch Kopieren von Begriffen.

Das aktuelle IW-Regionalranking liefert dafür einen interessanten Hinweis.

2026 entwickelte sich Cottbus im Dynamikranking aller 400 untersuchten Kreise und kreisfreien Städte am stärksten. Die Region knüpft dabei unter anderem an ihre industrielle Vergangenheit, die Brandenburgische Technische Universität, neue Forschungsinstitutionen und das ICE-Instandhaltungswerk an.

Die IW-Forscher ziehen daraus einen wichtigen Schluss: Erfolgreiche Transformationsregionen hätten nicht auf einen vollständigen Bruch mit ihrer Vergangenheit gesetzt, sondern vorhandene Stärken weiterentwickelt.

Das ist regionales Innovationsdenken.

Nicht:

Was ist gerade modern?

Sondern:

Was können wir hier bereits... und wie machen wir daraus etwas Neues?

Eine schwache Region braucht ein Profil

Vielleicht Maschinenbau.

Vielleicht Lebensmitteltechnik.

Vielleicht Energie.

Vielleicht Tourismus.

Vielleicht Medizintechnik.

Vielleicht Handwerk.

Vielleicht Robotik.

Vielleicht Landwirtschaft.

Vielleicht Logistik.

Vielleicht Kreativwirtschaft.

Vielleicht bestimmte Dienstleistungen.

Eine Region muss nicht in allem Weltklasse sein.

Sie braucht genügend Bereiche, in denen Unternehmen und Menschen sagen:

Dafür lohnt sich dieser Standort.

Das gilt gerade für ehemalige Industrieregionen

Deutschland besitzt eine Besonderheit.

Industrie ist nicht ausschließlich auf wenige Millionenstädte konzentriert.

Sie sitzt in:

Landkreisen, Mittelstädten, kleinen Städten, ländlichen Regionen.

Genau deshalb warnt das ifo Institut davor, dass industrielle Schwäche manche ländlichen Regionen Deutschlands besonders hart treffen kann. Wenn etablierte Industrie verschwindet und keine neue produktive Wirtschaftsstruktur entsteht, betrifft das dort nicht nur einzelne Unternehmen, sondern teilweise das gesamte regionale Ökosystem.

Das heißt:

Eine Region kann sich nicht darauf verlassen, dass das Unternehmen, das seit 40 Jahren Arbeitsplätze schafft, dies automatisch weitere 40 Jahre tut.

Strukturwandel wartet nicht auf Regionalstolz.

Auswirkungen auf Unternehmen, Arbeitnehmer und Kommunen

Für Unternehmen: Standorttreue allein ersetzt keine Standortqualität

Ein Unternehmen kann tief in einer Region verwurzelt sein.

Familienunternehmen, Tradition, Mitarbeiter seit Generationen, lokale Zulieferer.

Das ist wertvoll, aber auch Unternehmen rechnen irgendwann.

Gibt es:

Fachkräfte? Digitale Infrastruktur? Verkehrsanbindung? Flächen? Energie? Hochschulpartner? Forschung? Kunden? Zulieferer? Genehmigungskapazitäten?

Wenn diese Voraussetzungen immer schlechter werden, wird regionale Verbundenheit irgendwann teuer, deshalb haben auch Unternehmen ein Interesse daran, nicht nur ihr eigenes Werk zu betrachten.

Sie müssen zunehmend Teil eines regionalen Ökosystems werden.

Schulen, Berufsschulen, Hochschulen, Gründer, andere Unternehmen, Kommunen, Forschung, Vereine, Kultur, denn ein Arbeitsplatz allein bindet einen Menschen nicht automatisch an eine Region.

Der Partner braucht vielleicht ebenfalls Arbeit. Kinder brauchen Bildung. Menschen brauchen soziale Kontakte. Junge Leute brauchen andere junge Leute.

Unternehmen könnten deshalb viel früher in regionale Entwicklung eingreifen

Nicht erst:

„Wir finden keine Fachkräfte.“

Sondern:

Schülerprojekte, Praktika, Ausbildungskooperationen, Hochschulprojekte, Makerspaces, Gründerprogramme, Forschungskooperationen, lokale Veranstaltungen, Weiterbildung.

Ein Unternehmen baut dann nicht nur Mitarbeiter auf.

Es baut einen Standort mit auf.

Für Arbeitnehmer: Weggehen kann genauso richtig sein wie Bleiben

Auch hier müssen wir vielleicht kulturell anders denken.

Jemand, der seinen Heimatort verlässt, hat nicht versagt und jemand, der bleibt, ebenfalls nicht.

Menschen treffen unterschiedliche Entscheidungen.

Ein 20-Jähriger zieht nach Berlin.

Eine 32-Jährige kommt mit Familie zurück.

Ein Ingenieur arbeitet drei Jahre in München und übernimmt anschließend einen Mittelständler in seiner Heimat.

Eine Softwareentwicklerin lebt auf dem Land und arbeitet remote für ein internationales Unternehmen.

Die Arbeitswelt wird beweglicher.

Das zeigen auch die Wanderungsdaten.

Während junge Erwachsene stärker in Zentren ziehen, wandern Familien häufiger aus diesen Zentren ins Umland.

Regionen bekommen deshalb möglicherweise eine zweite Chance.

Der 19-Jährige, den man verliert, ist vielleicht der 34-Jährige, den man zurückgewinnen kann.

Aber dafür braucht er:

Job, Wohnraum, Internet, Kita, Schule, Kultur, Mobilität, Netzwerk und Entwicklungsmöglichkeiten.

Heimat allein reicht nicht.

Arbeitnehmer sollten Regionen ebenfalls vergleichen dürfen

Wir betrachten es als selbstverständlich, dass Unternehmen Standorte vergleichen.

Steuern, Arbeitskräfte, Flächen, Infrastruktur.

Warum sollte ein Arbeitnehmer nicht ebenfalls vergleichen?

Gehalt, Karriere, Wohnkosten, Lebensqualität, Familie, Freizeit, Bildung.

Menschen stimmen auch mit ihren Füßen ab, wenn eine Region dauerhaft verliert, sollte die erste Reaktion deshalb nicht sein:

„Warum sind die Menschen so undankbar?“

Sondern:

„Was sagt uns dieses Verhalten über unseren Standort?“

Das ist Marktforschung.

Nur auf regionaler Ebene.

Für Kommunen: Wirtschaftsförderung muss mehr sein als Gewerbefläche

Hier liegt wahrscheinlich der größte Wandel.

Klassische kommunale Wirtschaftsförderung bedeutet häufig:

Gewerbegebiet, Flächen, Unternehmensansiedlung, Bestandspflege, Förderprogramme.

Das bleibt wichtig, aber moderne Regionalentwicklung muss breiter werden, denn Unternehmen folgen zunehmend Talenten und Talente folgen nicht ausschließlich Unternehmen.

Sie folgen auch:

Bildung, Netzwerken, Wohnraum, Kultur, Mobilität, digitaler Infrastruktur, anderen Talenten.

Das bedeutet:

Jugendpolitik kann Wirtschaftspolitik sein.

Hochschulpolitik kann Wirtschaftspolitik sein.

Kultur kann Standortpolitik sein.

Wohnungsbau kann Fachkräftepolitik sein.

Breitband kann Gründungspolitik sein.

Die Grenzen verschwimmen.

Kommunen sollten sich deshalb eine brutale Frage stellen

Nicht:

„Welche Förderprogramme können wir beantragen?“

Sondern zuerst:

Warum sollte ein 25-Jähriger ausgerechnet hier leben wollen?

Und danach:

Warum sollte ein Unternehmen hier investieren?

Warum sollte ein Gründer hier starten?

Warum sollte jemand mit 35 zurückkommen?

Warum sollte eine Familie hierbleiben?

Warum sollte eine Forscherin herziehen?

Wenn auf diese Fragen keine guten Antworten existieren, löst auch der nächste Förderbescheid das strukturelle Problem nicht allein.

Neutrale Einordnung

Chancen & Risiken

Potenziale und mögliche Zielkonflikte werden bewusst nebeneinandergestellt.

Chancen

Und genau deshalb ist die Geschichte nicht pessimistisch, denn wirtschaftsschwächere Regionen besitzen teilweise etwas, das erfolgreiche Metropolen immer weniger haben:

Raum.

Günstigere Wohnungen, Gewerbeflächen, teilweise niedrigere Kosten, Natur, weniger Verkehr, kürzere Wege, soziale Nähe, Platz für Familien.

Das IW zeigt beispielsweise, dass Lebenshaltungskosten in den sieben größten deutschen Städten im Durchschnitt rund elf Prozent über dem Bundesdurchschnitt liegen. Vor allem Wohnen treibt die Unterschiede.

Das kann für kleinere Standorte ein echter Vorteil sein.

Aber nur wenn aus:

billig

auch:

attraktiv

wird.

Billige Wohnung ohne guten Arbeitsplatz? Nicht genug.

Günstiges Haus ohne schnelle Internetverbindung? Nicht genug.

Natur ohne Mobilität? Nicht genug.

Freie Gewerbefläche ohne Fachkräfte? Nicht genug.

Digitalisierung kann Entfernungen teilweise entwerten

Ein Softwareunternehmen muss nicht zwingend in München sitzen.

Ein Berater nicht zwingend in Frankfurt.

Ein Creator nicht zwingend in Berlin.

Ein digitales Unternehmen kann theoretisch aus einer Mittelstadt internationale Kunden bedienen und genau darin könnte eine enorme Chance für Regionen liegen.

Aber Remote Work allein rettet keinen Standort.

Menschen brauchen trotzdem:

soziale Räume, Gastronomie, Kultur, Netzwerke, Kinderbetreuung, Sport, Bildung.

Eine Region, die sagt:

„Bei uns könnt ihr günstig im Homeoffice sitzen“

hat noch kein Wirtschaftsmodell.

Eine Region, die daraus:

„Bei uns könnt ihr international arbeiten und gleichzeitig gut leben“

macht, hat zumindest ein Angebot.

Gründung könnte zum großen Hebel werden

2025 stieg die Zahl der Existenzgründungen in Deutschland auf rund 690.000, nach 585.000 im Vorjahr. Rund 70 Prozent erfolgten im Nebenerwerb.

Das ist für kleinere Regionen interessant, denn neue Unternehmen benötigen nicht immer sofort:

20 Mitarbeiter, Bürohochhaus, Venture Capital.

Ein Gründer kann heute:

klein beginnen, digital verkaufen, nebenberuflich testen und später wachsen.

Damit entsteht eine andere Form regionaler Wirtschaftsförderung.

Nicht nur:

Großunternehmen ansiedeln.

Sondern:

100 Menschen ermöglichen, etwas Eigenes auszuprobieren.

Nicht jeder schafft es, aber wirtschaftliche Erneuerung entsteht selten ausschließlich durch die Unternehmen, die bereits existieren.

Risiken

Es reicht nicht, einen Coworking-Space zu eröffnen und danach von einem Start-up-Ökosystem zu sprechen.

Ein Innovationszentrum ohne Nutzer ist Immobilienwirtschaft.

Ein Gründerzentrum ohne Gründer ist ein Gebäude.

Ein Technologiepark ohne Technologieunternehmen ist ein Schild.

Regionale Innovation braucht:

Menschen, Kapital, Wissen, Kunden, Unternehmen, Mentoren, Forschung, Netzwerke und Zeit.

Genau deshalb sollte regionale Entwicklung realistisch bleiben.

Das zweite Risiko... nicht jede Region wird wachsen

Das ist vielleicht die unangenehmste Wahrheit.

Deutschland altert.

Die Bevölkerung könnte langfristig schrumpfen.

Menschen konzentrieren sich teilweise räumlich.

Nicht jede Gemeinde wird ihre historische Einwohnerzahl halten und vielleicht muss sie das auch nicht.

Regionale Entwicklung darf deshalb nicht ausschließlich bedeuten:

Mehr Einwohner um jeden Preis.

Eine kleinere Region kann trotzdem:

produktiv, lebenswert, digital, wirtschaftlich stabil und innovativ sein.

Die entscheidende Frage lautet:

Wie organisieren wir Qualität bei möglicherweise geringerer Quantität?

Das ist ebenfalls Innovation.

Das dritte Risiko... Abwanderung kann zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden

Wenn ständig erzählt wird:

„Hier geht nichts.“

„Alle Jungen gehen.“

„Früher war alles besser.“

dann entsteht ein kulturelles Standortproblem zusätzlich zum wirtschaftlichen.

Niemand gründet gerne an einem Ort, dessen eigene Bevölkerung nicht an seine Zukunft glaubt.

Das heißt nicht, Probleme schönzureden.

Im Gegenteil.

Man muss sie klar benennen, aber danach braucht es:

eine glaubwürdige Vorstellung davon, was stattdessen entstehen soll.

Und das vierte Risiko... nur auf Ansiedlungen zu hoffen

Der Traum vieler Regionen:

Ein großer Konzern kommt. 2.000 Arbeitsplätze. Problem gelöst.

Manchmal funktioniert das, aber damit entsteht gleichzeitig neue Abhängigkeit, wenn dieser Arbeitgeber Jahrzehnte später Schwierigkeiten bekommt, beginnt das Problem erneut.

Robuster sind Regionen mit:

mehreren Branchen, Mittelstand, Gründungen, Forschung, Bildung und unterschiedlichen Unternehmensgrößen.

Ein wirtschaftliches Ökosystem statt eines einzigen Rettungsankers.

Perspektivenwechsel

Das klingt zunächst verrückt, aber überlegen wir weiter.

Ein Jugendlicher wächst in einer kleinen Stadt auf.

Er geht mit 19 nach München.

Studiert Maschinenbau.

Arbeitet bei einem internationalen Unternehmen.

Lernt neue Technologien.

Baut ein Netzwerk auf.

Mit 34 möchte er:

mehr Platz, ein Haus, Familie, vielleicht selbst gründen.

Seine Heimatregion hat sich währenddessen entwickelt.

Es gibt inzwischen:

schnelles Internet, ein Technologiezentrum, eine gute Bahnverbindung, Kinderbetreuung, ein Unternehmernetzwerk, bezahlbaren Wohnraum.

Dann kommt er vielleicht zurück, aber jetzt bringt er etwas mit:

15 Jahre Erfahrung.

Dann war seine Abwanderung möglicherweise kein endgültiger Verlust.

Sie war Teil eines Kreislaufs.

Die Herausforderung lautet deshalb nicht:

Brain Drain verhindern.

Sondern vielleicht:

Brain Circulation ermöglichen.

Menschen gehen, Menschen lernen, Menschen kommen zurück, Andere ziehen neu hinzu.

Genau so funktionieren dynamische Regionen.

Was wir wissen

Deutschlands Wirtschaftskraft ist regional weiterhin sehr unterschiedlich verteilt. Der Deutschlandatlas zeigt erhebliche Differenzen beim BIP je Erwerbstätigem zwischen den deutschen Kreisen und Städten.

Junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren ziehen überdurchschnittlich häufig in Großstadtzentren, während Familien in späteren Lebensphasen häufiger in deren Umland wechseln.

2025 gab es fast eine Million Wanderungen über Bundeslandgrenzen. Brandenburg, Bayern und Schleswig-Holstein erzielten Binnenwanderungsüberschüsse, während unter anderem Berlin und Thüringen negative Salden aufwiesen. Das zeigt gleichzeitig, dass Wanderungsmuster komplexer sind als ein einfaches „Stadt gewinnt, Land verliert“.

Deutschland steht zusätzlich vor einem starken demografischen Wandel. KfW erwartet langfristig eine schrumpfende und alternde Bevölkerung, die Unternehmen und Kommunen regional unterschiedlich stark treffen dürfte.

Gleichzeitig zeigen Beispiele wie Cottbus, dass auch Regionen mit schwierigerer Ausgangslage deutlich an Dynamik gewinnen können. Das IW hebt dabei besonders die Weiterentwicklung vorhandener regionaler Stärken hervor.

Was noch unklar ist

Es wäre falsch, jeden Fortzug unmittelbar mit Wirtschaftsschwäche zu erklären.

Menschen ziehen aus vielen Gründen:

Studium, Liebe, Wohnkosten, Familie, Lebensstil, Ausbildung, Arbeit, Natur, Kultur.

Eine wirtschaftsstarke Großstadt kann sogar einen negativen Binnenwanderungssaldo haben, weil Familien ins Umland ziehen.

Berlin verlor 2025 beispielsweise netto Einwohner an andere Bundesländer, obwohl die Stadt wirtschaftlich und kulturell eine starke Anziehungskraft besitzt.

Ebenso ist eine geringe Einwohnerzahl kein Beweis für wirtschaftliche Schwäche.

Viele ländliche deutsche Regionen sind ausgesprochen produktiv.

Deshalb muss Regionalentwicklung immer konkret betrachtet werden.

Was als Nächstes wichtig wird

Die nächsten Jahre werden zeigen, welche Regionen verstanden haben, dass sie nicht mehr ausschließlich untereinander um Unternehmen konkurrieren.

Sie konkurrieren zunehmend um:

Menschen.

Um:

Azubis, Fachkräfte, Gründer, Familien, Forscher, Unternehmer, Kreative.

Und diese Menschen fragen nicht ausschließlich:

„Wo bekomme ich Arbeit?“

Sondern:

Wo kann ich leben?

Wo kann ich mich entwickeln?

Was kann mein Kind dort lernen?

Welche Menschen treffe ich?

Kann ich ein Unternehmen aufbauen?

Wie komme ich in die nächste Stadt?

Was kostet Wohnen?

Welche Kultur gibt es?

Kann ich international arbeiten?

Die moderne Standortpolitik wird deshalb viel ganzheitlicher werden müssen.

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Einordnung von ROQ News

Vielleicht sollten wirtschaftsschwächere Regionen aufhören, Abwanderung ausschließlich als Niederlage zu betrachten.

Menschen bewegen sich.

Das haben sie immer getan.

Dorthin, wo:

Arbeit, Wissen, Kapital, Menschen und Möglichkeiten zusammenkommen.

Die Aufgabe einer Region kann deshalb nicht sein, Mobilität aufzuhalten.

Die Aufgabe besteht darin:

selbst wieder ein Ort der Möglichkeiten zu werden.

Und dafür reicht manchmal nicht mehr:

das Gewerbegebiet erweitern, eine Förderbroschüre drucken und einmal im Jahr eine Wirtschaftskonferenz veranstalten.

Regionale Entwicklung muss an:

Bildung, Innovation, Unternehmertum, Kultur, Jugend, Digitalisierung, Wohnraum, Mobilität und Wirtschaft gleichzeitig denken.

Das klingt komplizierter. Ist es auch. Aber vielleicht ist genau das die eigentliche Innovation.

Nicht jedem jungen Menschen zu sagen:

„Bleib bitte hier.“

Sondern einen Standort zu bauen, bei dem er irgendwann selbst sagt:

„Warum sollte ich eigentlich noch weg?“

Oder sogar:

„Ich komme zurück.“

Autor

Michael Langner

Gründer & CEO von Cast Royal
Verantwortliche Redaktion

Michael Langner

Gründer & CEO von Cast Royal

Quellen

  1. Demografischer Wandel – Statistisches Bundesamt
    Sonstige · veröffentlicht 01.10.2026 · abgerufen 12.10.2026
  2. IW-Regionalranking: Cottbus entwickelt sich am besten – Institut der deutschen Wirtschaft
    Sonstige · veröffentlicht 12.05.2026 · abgerufen 12.10.2026
  3. Sonstige · veröffentlicht 14.04.2026 · abgerufen 12.10.2026
  4. Fachmedium · abgerufen 12.10.2026
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Redaktionell geprüft Stand: 13.10.2026
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