Was ist passiert?
Zunächst müssen wir eine Behauptung geradeziehen.
Es gibt derzeit keine belastbare Statistik, aus der man seriös ableiten könnte:
„In einigen Jahren wird die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr normal angestellt sein.“
Dafür bleibt klassische Beschäftigung momentan viel zu bedeutend.
Was sich dagegen empirisch beobachten lässt, ist eine Diversifizierung von Arbeit.
Die Internationale Arbeitsorganisation fasst unter „nicht standardisierten Beschäftigungsformen“ unter anderem zusammen:
Teilzeit, befristete Beschäftigung, Arbeit auf Abruf, Zeitarbeit, Mehrparteien-Arbeitsverhältnisse, abhängige Selbstständigkeit und bestimmte Formen selbstständiger beziehungsweise plattformvermittelter Arbeit.
Die ILO beobachtet solche Formen seit Jahrzehnten als wachsenden beziehungsweise dauerhaft bedeutenden Bestandteil moderner Arbeitsmärkte.
Digitalisierung fügt nun eine weitere Ebene hinzu, denn ein Mensch kann heute von derselben Wohnung aus:
für seinen Arbeitgeber arbeiten, einen Auftrag für einen Kunden in Hamburg erledigen, Grafik für ein Unternehmen in Spanien erstellen, Software an einen Kunden in Kanada liefern und anschließend über eine Plattform noch einen Auftrag annehmen.
Die räumliche Verbindung zwischen:
Wohnort, Arbeitgeber, Kunde und Einkommen
wird schwächer.
Und damit verändert sich langfristig auch das Verständnis davon, was ein „Job“ eigentlich ist.
Deutschland: Vollzeit bleibt groß... aber das Arbeitsleben wird bereits kleinteiliger
2025 arbeiteten abhängig Vollzeitbeschäftigte in Deutschland durchschnittlich 39,9 Stunden pro Woche.
Teilzeitkräfte kamen im Durchschnitt auf 21,3 Stunden.
Interessanter ist jedoch die langfristige Bewegung.
Die durchschnittliche Vollzeit-Arbeitszeit sank gegenüber 2015 etwas.
Die durchschnittliche Arbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten stieg dagegen von 19,3 auf 21,3 Stunden.
Teilzeit bedeutet also zunehmend nicht zwangsläufig:
„ein paar Stunden nebenbei“.
Sie wird für viele Menschen zu einer normalen Erwerbsform.
Gleichzeitig steigen die Nebenjobs.
2025 hatten laut IAB rund 4,68 Millionen Beschäftigte zusätzlich zu ihrer Hauptbeschäftigung einen Nebenjob.
Das ist noch keine „Gig Economy“, aber es zeigt ein Prinzip:
Eine Person kann bereits heute mehrere Erwerbsbeziehungen gleichzeitig besitzen.
Und genau dieses Prinzip lässt sich technologisch erheblich weiterdenken.
Spanien zeigt die Krisenversion dieser Entwicklung
Spanien ist dafür ein besonders interessantes historisches Beispiel.
Vor der Finanzkrise boomte die spanische Wirtschaft stark über:
Immobilien, Bau, Kredite und privaten Konsum. Dann kam 2008.
Der Arbeitsmarkt brach massiv ein.
Die Gesamtarbeitslosigkeit stieg von 8,2 Prozent im Jahr 2007 auf 26,2 Prozent 2013.
Bei jungen Menschen war die Situation noch dramatischer.
2012 lag die Arbeitslosenquote der Unter-25-Jährigen bereits bei 52,9 Prozent. 2013 erreichte sie nach Eurostat-Daten zeitweise mehr als 55 Prozent; im September 2013 waren es sogar 56,5 Prozent.
Das bedeutet:
Mehr als jeder zweite junge Spanier, der dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stand, aber keine Stelle hatte, war arbeitslos.
Das klassische Versprechen:
Ausbildung → Job → Einkommen → eigene Wohnung
funktionierte für einen großen Teil einer Generation plötzlich nicht mehr.
Und Menschen reagieren auf solche Situationen.
Sie studieren länger. Sie wandern aus. Sie nehmen kurzfristige Jobs. Sie kombinieren Tätigkeiten. Sie arbeiten informell. Sie gründen, oder sie versuchen, sich selbst Arbeit zu schaffen.
Das geschah nicht, weil plötzlich eine komplette Generation beschlossen hatte:
„Selbstständigkeit ist cooler.“
Es geschah teilweise aus Notwendigkeit.
Spanien begann Selbstständigkeit gezielt zu fördern
Die politische Reaktion darauf ist besonders interessant.
Nach der Finanzkrise wurden Programme für Jugendunternehmertum und Selbstständigkeit in Spanien und anderen europäischen Ländern deutlich ausgebaut. Die OECD beschreibt ausdrücklich, dass Programme für Jugendgründungen nach der Finanzkrise 2008/09 verstärkt wurden, weil Unternehmertum zumindest für einen Teil der jungen Menschen einen alternativen Zugang zum Arbeitsmarkt bieten konnte.
Spanien führte unter anderem vergünstigte Sozialversicherungsbeiträge für neue junge Selbstständige ein.
Bis Ende 2014 hatten nach Angaben der Europäischen Kommission mehr als 300.000 Menschen diese sogenannte Flat-Rate-Regelung genutzt.
Mehr als 100.000 davon waren unter 30 Jahre alt.
Die Kommission stellte damals ausdrücklich einen Anstieg junger Selbstständiger fest, der teilweise auf die 2013 eingeführten Fördermaßnahmen zurückgeführt wurde.
Das ist genau der Punkt, den du angesprochen hast.
Wenn der klassische Arbeitsmarkt keine ausreichenden Möglichkeiten bietet, beginnen Staat und Menschen nach Alternativen zu suchen.
Aus:
„Wo bekomme ich einen Arbeitsplatz?“
wird teilweise:
„Wie kann ich mir selbst Einkommen schaffen?“
Doch Spanien zeigt gleichzeitig, warum man diese Geschichte nicht romantisieren sollte.
Spanien wurde dadurch nicht automatisch zum Land junger Unternehmer
Die Gesamtquote der Selbstständigkeit explodierte während der Krise nicht.
Forschung zur spanischen Finanzkrise zeigt vielmehr, dass Selbstständigkeit insgesamt relativ stabil blieb, obwohl bestimmte Gruppen stärker in diese Richtung gedrängt wurden.
Und auch heute ist Spanien kein europäischer Spitzenreiter bei jungen Unternehmern.
Eurostat zählte 2025 in der gesamten EU 2,06 Millionen Selbstständige zwischen 20 und 29 Jahren.
Spanien gehörte jedoch zu den Ländern mit dem niedrigsten Anteil junger Menschen unter den Selbstständigen: Nur 5,9 Prozent der spanischen Selbstständigen im Alter von 20 bis 64 Jahren waren zwischen 20 und 29.
Das ist wichtig.
Denn:
Menschen zur Selbstständigkeit zu zwingen, weil keine Jobs existieren, ist keine Zukunftsstrategie.
Die bessere Frage lautet:
Wie schaffen wir einen Arbeitsmarkt, in dem Menschen zwischen unterschiedlichen Erwerbsformen wählen können, ohne dass jede Veränderung ihre soziale Sicherheit zerstört?
ROQ Einordnung – Warum ist diese Nachricht wichtig?
Die Debatte über die Zukunft der Arbeit wird häufig falsch geführt.
Auf der einen Seite:
„KI nimmt uns alle Jobs weg.“
Auf der anderen:
„Es wird immer genug Arbeit geben.“
Beide Aussagen verkürzen das Problem.
Die entscheidendere Frage lautet:
Wie wird Arbeit organisiert?
Die ILO kommt in ihrer aktuellen Forschung zu generativer KI zu einem bemerkenswerten Ergebnis.
Weltweit arbeitet ungefähr jeder vierte Beschäftigte in einem Beruf, der zumindest teilweise durch generative KI beeinflusst werden könnte.
Die wahrscheinlichere Entwicklung sei aber nicht die komplette Abschaffung dieser Berufe, sondern ihre Transformation.
Das bedeutet:
Eine Tätigkeit besteht heute vielleicht aus zehn Aufgaben.
KI übernimmt drei.
Zwei werden automatisiert.
Drei werden produktiver.
Zwei bleiben vollständig menschlich.
Dann verschwindet nicht zwangsläufig der Beruf, aber möglicherweise verändert sich:
wie viele Menschen benötigt werden, wie lange sie benötigt werden, welche Fähigkeiten sie brauchen und ob ein Unternehmen diese Kompetenz überhaupt noch dauerhaft intern beschäftigen muss.
Und genau hier trifft KI auf eine zweite Entwicklung:
Projektarbeit.
Wenn ein Unternehmen einen Spezialisten nur 300 Stunden pro Jahr benötigt, lautet die zukünftige Lösung möglicherweise nicht immer:
„Wir stellen ihn Vollzeit ein.“
Sondern:
„Wir kaufen seine Kompetenz für dieses Projekt.“
Der gleiche Spezialist kann dann gleichzeitig für:
Unternehmen A, Unternehmen B und Unternehmen C arbeiten.
Aus einem Arbeitsplatz wird eine Kompetenzbeziehung.
Der Arbeitsmarkt könnte sich von Stellen zu Aufgaben bewegen
Der klassische Arbeitsmarkt funktioniert in Stellen.
Eine Stellenbeschreibung bündelt viele Aufgaben.
Marketingmanager, Buchhalter, Programmierer, Vertriebsmitarbeiter, Designer.
KI ermöglicht jedoch zunehmend, Arbeit auf Aufgabenebene zu zerlegen.
Ein Mitarbeiter erledigt vielleicht nicht mehr sämtliche Aufgaben einer Position.
Stattdessen übernimmt:
KI einen Teil, ein interner Mitarbeiter einen Teil, ein Freelancer einen Teil, eine spezialisierte Agentur einen Teil und eine Plattform vermittelt bei Bedarf zusätzliche Kapazität.
Das bedeutet nicht, dass jede Firma so funktionieren wird.
Eine Pflegekraft lässt sich nicht über fünf Unternehmen gleichzeitig aufteilen, während sie einen Patienten versorgt.
Ein Maschinenführer kann nicht gleichzeitig in drei Fabriken stehen.
Ein Polizeibeamter wird nicht nebenbei drei andere Polizeidienststellen bedienen.
Aber bei:
Wissensarbeit, Design, Software, Medien, Beratung, Marketing, Administration, Training, Kreativarbeit und bestimmten technischen Leistungen wird diese Fragmentierung wesentlich einfacher.
Und wir sehen bereits Branchen, in denen sie Realität ist.
2025 waren beispielsweise 46,3 Prozent der Künstler, Autoren, Journalisten und Linguisten in der EU selbstständig. In einigen Staaten lag die Quote deutlich über 50 Prozent.
Diese Berufsgruppe ist möglicherweise kein Sonderfall.
Sie könnte teilweise ein Frühindikator dafür sein, wie andere digital lieferbare Tätigkeiten künftig organisiert werden.
Auswirkungen auf Unternehmen, Arbeitnehmer und Kommunen
Für Arbeitnehmer kann aus einem Job ein Einkommensportfolio werden
Stell dir einen Menschen im Jahr 2035 vor.
Er arbeitet:
24 Stunden pro Woche für ein Unternehmen.
Verdient zusätzlich Geld als Berater.
Besitzt ein kleines digitales Produkt.
Übernimmt drei größere Projekte pro Jahr.
Investiert einen Teil seines Einkommens.
Vielleicht unterrichtet er zeitweise.
Sein Einkommen besteht dann nicht mehr aus:
Gehalt = 100 Prozent.
Sondern vielleicht aus:
60 Prozent Beschäftigung,
20 Prozent Projekte,
10 Prozent eigenes Geschäft,
10 Prozent Kapital- oder Lizenzeinnahmen.
Diese genaue Aufteilung ist nur ein Beispiel, aber das zugrunde liegende Modell existiert bereits.
Digitale Plattformarbeit ist dafür interessant.
In der EU arbeiteten nach einer häufig verwendeten EU-Schätzung 2022 rund 28,3 Millionen Menschen über digitale Arbeitsplattformen. Besonders wichtig: Plattformarbeit war für viele nicht die Haupteinnahmequelle, sondern zusätzliches Einkommen neben einer regulären Tätigkeit.
Eine frühere EU-Prognose erwartete bis 2025 einen Anstieg auf 43 Millionen.
Diese Zahl sollte heute allerdings vorsichtig verwendet werden: Die ILO weist 2026 ausdrücklich darauf hin, dass es weiterhin erhebliche Messprobleme bei der tatsächlichen Zahl von Plattformarbeitenden gibt.
Der Trend ist trotzdem interessant.
Digitalisierung ermöglicht erstmals einen Arbeitsmarkt, auf dem sich zusätzliche Einkommensquellen nahezu weltweit vermitteln lassen.
Für Unternehmen wird Personal variabler
Auch Unternehmen könnten anders denken.
Heute lautet die Frage:
Wie viele Mitarbeiter brauchen wir?
Morgen könnte sie häufiger lauten:
Welche Kompetenzen brauchen wir... und wie dauerhaft?
Ein Unternehmen braucht vielleicht:
einen CFO zwei Tage im Monat, einen KI-Spezialisten für zwölf Wochen, einen Designer für ein Produkt, einen Vertriebler langfristig, einen Entwickler für sechs Monate und Produktionsmitarbeiter dauerhaft vor Ort.
Dann werden unterschiedliche Erwerbsformen wirtschaftlich sinnvoll.
Das muss nicht automatisch prekäre Beschäftigung bedeuten.
Ein hoch spezialisierter Freelancer kann wesentlich mehr verdienen als ein vergleichbarer Angestellter.
Aber es kann ebenso zu:
Scheinselbstständigkeit, Unsicherheit, fehlender Weiterbildung und schwacher sozialer Absicherung führen.
Die ILO warnt deshalb seit Jahren davor, Flexibilität mit Schutzlosigkeit zu verwechseln.
Der große Konflikt heißt nicht Arbeitnehmer gegen Selbstständige
Vielleicht brauchen wir deshalb eine völlig andere arbeitsmarktpolitische Diskussion.
Unsere Systeme denken häufig in Kategorien:
Arbeitnehmer.
Oder:
Selbstständiger.
Doch was passiert mit jemandem, der gleichzeitig beides ist?
Angestellt:
25 Stunden.
Selbstständig:
zehn Stunden.
Dazu gelegentliche Plattformaufträge.
Vielleicht sechs Monate später wieder Vollzeit.
Dann zwei Jahre eigenes Unternehmen und anschließend erneut Beschäftigung.
Seine Erwerbsbiografie besteht nicht mehr aus einer Linie.
Sie besteht aus Modulen.
Und genau deshalb wird soziale Sicherung schwieriger.
Krankenversicherung, Rentenansprüche, Arbeitslosenversicherung, Weiterbildung, Mutterschutz, Unfallversicherung, Urlaub, Krankengeld.
Alle diese Systeme wurden historisch stark um bestimmte Beschäftigungsverhältnisse herum aufgebaut.
Ein fragmentierter Arbeitsmarkt benötigt dagegen wesentlich stärker portable Ansprüche.
Nicht:
Soziale Sicherheit gehört zu Arbeitsplatz A.
Sondern:
Soziale Sicherheit gehört zum Menschen – unabhängig davon, aus wie vielen Quellen sein Einkommen gerade kommt.
Genau diese Diskussion läuft international bereits.
Die EU-Plattformarbeitsrichtlinie trat Ende 2024 in Kraft und muss bis Dezember 2026 in nationales Recht umgesetzt werden. Sie soll unter anderem Scheinselbstständigkeit besser erfassen und erstmals umfassende Regeln für algorithmisches Management schaffen.
Und im Juni 2026 verabschiedete die Internationale Arbeitskonferenz mit der Platform Economy Convention Nr. 193 erstmals einen internationalen Arbeitsstandard speziell für menschenwürdige Arbeit in der Plattformökonomie.
Das zeigt:
Der Gesetzgeber beginnt bereits, auf eine Arbeitswelt zu reagieren, die nicht mehr sauber in die alten Kästchen passt.
Chancen & Risiken
Potenziale und mögliche Zielkonflikte werden bewusst nebeneinandergestellt.
Menschen werden weniger abhängig von einem einzigen Arbeitgeber
Ein klassischer Arbeitnehmer besitzt eine enorme wirtschaftliche Abhängigkeit.
100 Prozent seines Arbeitseinkommens kommen möglicherweise von:
einem Unternehmen.
Verliert er diesen Arbeitsplatz, fallen 100 Prozent seines Erwerbseinkommens gleichzeitig weg.
Ein Einkommensportfolio kann dieses Risiko verteilen.
Wenn beispielsweise:
ein Projekt endet, aber Beschäftigung weiterläuft, oder ein Arbeitgeber wegfällt, aber mehrere Kunden bestehen bleiben, ist das wirtschaftliche Risiko anders verteilt.
Im Unternehmertum ist dieses Prinzip selbstverständlich.
Kein gutes Unternehmen möchte von nur einem einzigen Kunden abhängig sein.
Bei privaten Erwerbseinkommen wurde diese Frage lange kaum gestellt.
Menschen könnten Arbeit stärker an Lebensphasen anpassen
Mit 25 möchte jemand vielleicht:
60 Stunden arbeiten, Unternehmen aufbauen, reisen, lernen.
Mit 35:
mehr Zeit für Kinder.
Mit 50:
mehr Beratung, weniger operative Tätigkeit.
Mit 65:
noch zwei Projekte pro Monat.
Ein Arbeitsmarkt mit unterschiedlichen Erwerbsformen kann solche Übergänge erleichtern.
Die Niederlande zeigen zumindest, dass hohe Teilzeitquoten nicht automatisch einen schwachen Arbeitsmarkt bedeuten.
2024 arbeiteten dort 38,6 Prozent der Erwerbstätigen in Teilzeit – der höchste Wert in der EU. Gleichzeitig lag die Beschäftigungsquote der 20- bis 64-Jährigen 2025 mit 83,4 Prozent nahezu an der europäischen Spitze.
2025 hatten die Niederlande mit durchschnittlich 31,9 tatsächlichen Wochenstunden sogar die kürzeste durchschnittliche Arbeitswoche in der EU. Deutschland und Dänemark folgten mit jeweils 33,9 Stunden.
Das bedeutet nicht:
Niederländer arbeiten grundsätzlich wenig.
Es zeigt:
Hohe Erwerbsbeteiligung und kürzere beziehungsweise stärker aufgeteilte Arbeitszeiten können gleichzeitig existieren.
Unternehmen bekommen Zugang zu mehr Spezialwissen
Ein Mittelständler kann möglicherweise keinen:
KI-Forscher, CFO, Cybersecurity-Spezialisten, Videoproduzenten und Datenanalysten jeweils Vollzeit bezahlen.
Er kann diese Kompetenz aber projektweise einkaufen und damit demokratisiert flexible Arbeit teilweise den Zugang zu Spezialwissen.
Nicht nur Großunternehmen können Experten beschäftigen.
Ein Experte kann seine Kompetenz auf mehrere Unternehmen verteilen.
Regionen verlieren teilweise an Bedeutung
Bei digital erbringbarer Arbeit muss ein Spezialist nicht zwingend in München, Berlin oder Frankfurt wohnen.
Er kann aus:
Coburg, Hof, Chemnitz, Lichtenfels oder einem Dorf international arbeiten.
Das könnte langfristig wirtschaftliche Möglichkeiten stärker von geografischer Nähe lösen.
Nicht vollständig, aber teilweise.
Und gerade für strukturschwächere Regionen kann das enorm interessant sein.
KI kann den Einzelnen produktiver machen
Ein Freelancer mit KI kann möglicherweise Leistungen anbieten, für die früher:
Designer, Texter, Rechercheur, Programmierer und Assistent notwendig gewesen wären.
Damit sinkt für bestimmte Tätigkeiten die Mindestgröße eines Unternehmens.
Der wirtschaftliche Akteur der Zukunft muss nicht zwangsläufig 100 Mitarbeiter besitzen.
Ein sehr kleiner Betrieb kann über:
KI, Software, Cloud, Automatisierung, Freelancer und Plattformen erstaunlich große Leistungen organisieren.
Auch darin könnte die Arbeitswelt kleinteiliger werden.
Freiheit kann schnell zur Unsicherheit werden
Flexibilität klingt hervorragend, solange sie freiwillig ist.
Sie klingt anders, wenn jemand:
keinen Vollzeitvertrag bekommt, seine Stunden nicht planen kann, keinen bezahlten Urlaub hat, bei Krankheit kein Einkommen bekommt und fünf Plattformen bedienen muss, um seine Miete zu bezahlen.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen:
Portfolioarbeit und Prekarisierung.
Spanien nach 2008 zeigt diese Grenze eindrucksvoll.
Jugendliche wurden nicht plötzlich freiwillig alle Unternehmer.
Viele reagierten auf einen Arbeitsmarkt, der ihnen kaum Alternativen ließ.
Deshalb darf das Zukunftsmodell nicht lauten:
„Jeder ist jetzt Unternehmer... viel Glück.“
Es muss lauten:
Mehr Wahlmöglichkeiten bei gleichzeitig belastbarer Absicherung.
Scheinselbstständigkeit kann zunehmen
Für ein Unternehmen besitzt Selbstständigkeit einen wirtschaftlichen Vorteil.
Kein bezahlter Urlaub.
Keine klassische Lohnfortzahlung.
Weniger Arbeitgeberpflichten.
Wenn ein Mensch aber formal Freelancer heißt, faktisch jedoch:
nur für ein Unternehmen arbeitet, dessen Arbeitszeiten befolgt, dessen Preise akzeptieren muss und dessen algorithmischer Steuerung unterliegt, ist seine unternehmerische Freiheit möglicherweise gering.
Genau deshalb versucht die EU-Plattformarbeitsrichtlinie, die korrekte Einordnung solcher Arbeitsverhältnisse zu verbessern.
Mehrere Jobs können auch einfach bedeuten: Ein Einkommen reicht nicht
Auch Nebenjobs müssen differenziert betrachtet werden.
4,68 Millionen Menschen mit Nebenjob in Deutschland bedeuten nicht automatisch:
„Die Deutschen bauen sich jetzt alle ein cleveres Einkommensportfolio.“
Einige tun das.
Andere benötigen schlicht zusätzliches Geld.
Ein zweiter Job kann Ausdruck von:
unternehmerischer Freiheit, Interesse, beruflicher Entwicklung oder finanzieller Not sein.
Die Statistik allein erklärt das Motiv nicht.
Genau deshalb sollten wir Mehrfachbeschäftigung weder romantisieren noch grundsätzlich negativ bewerten.
Weiterbildung wird zur privaten Überlebensfrage
In einem klassischen Unternehmen übernimmt der Arbeitgeber einen Teil der Personalentwicklung.
Bei einem fragmentierten Erwerbsleben trägt der Einzelne mehr Verantwortung.
Ein Freelancer kann nicht sagen:
Mein Arbeitgeber müsste mich mal weiterbilden.
Er muss selbst erkennen:
Welche Fähigkeit verliert an Wert?
Welche Technologie kommt?
Welche Kompetenz wird gesucht?
Und was muss ich lernen?
Das macht lebenslanges Lernen vom schönen Schlagwort zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit.
Gerade KI beschleunigt diesen Prozess.
Die ILO erwartet eher eine Transformation zahlreicher Tätigkeiten als eine vollständige Vernichtung von Arbeit. Das bedeutet aber gleichzeitig:
Menschen müssen sich innerhalb ihrer Berufe weiterentwickeln.
Altersvorsorge könnte zum größten Problem werden
Ein Angestellter zahlt relativ automatisch in soziale Systeme ein.
Ein Mensch mit:
kleinen Aufträgen, schwankendem Einkommen, Teilzeit und Selbstständigkeit muss wesentlich bewusster vorsorgen.
Wenn Millionen Erwerbsbiografien fragmentierter werden, können soziale Sicherungssysteme nicht einfach voraussetzen:
40 Jahre Vollzeitbeschäftigung mit kontinuierlichen Beiträgen.
Genau hier liegt möglicherweise eine der größten politischen Aufgaben der kommenden Jahrzehnte.
Perspektivenwechsel
Vielleicht ist die zentrale Frage gar nicht:
„Wird es den normalen Arbeitsplatz noch geben?“
Natürlich wird es ihn geben.
Ein Krankenhaus benötigt festes Personal.
Eine Fabrik benötigt feste Schichten.
Eine Schule benötigt Lehrer.
Eine Verwaltung benötigt Beschäftigte.
Ein Handwerksbetrieb benötigt Teams.
Aber vielleicht hört das klassische Arbeitsverhältnis auf, das einzige gesellschaftlich als normal betrachtete Lebensmodell zu sein.
Heute erklären wir Jugendlichen häufig:
Such dir einen Beruf.
Vielleicht lautet die bessere Frage irgendwann:
Welche Kompetenzen besitzt du... und auf wie viele Arten kannst du daraus Wert und Einkommen erzeugen?
Das klingt ähnlich.
Ist aber eine völlig andere Denkweise.
Beruf:
Ich bin Buchhalter.
Kompetenz:
Ich kann Finanzdaten strukturieren, Unternehmen analysieren, Prozesse automatisieren und wirtschaftliche Entscheidungen vorbereiten.
Beruf:
Ich bin Grafiker.
Kompetenz:
Ich kann Informationen visuell kommunizieren.
Beruf:
Ich bin Verkäufer.
Kompetenz:
Ich kann Bedürfnisse erkennen, Vertrauen aufbauen und Lösungen vermitteln.
Eine Kompetenz kann:
in einem Unternehmen, für mehrere Kunden, in einem eigenen Produkt, als Unterricht, als Beratung oder über eine Plattform monetarisiert werden.
Und genau deshalb könnte die Arbeitswelt langfristig weniger in Berufen und stärker in Kompetenzportfolios denken.
Spanien war Warnung... nicht Blaupause
Damit bekommt das spanische Beispiel eine zweite Bedeutung.
Die Finanzkrise zeigte, wie gefährlich eine Gesellschaft ist, die jungen Menschen im Wesentlichen nur eine einzige Eintrittstür anbietet:
Finde einen Arbeitgeber.
Wenn diese Tür plötzlich geschlossen ist, stehen Millionen Menschen draußen.
Spanien reagierte deshalb unter anderem mit:
Unterstützung für Selbstständigkeit, Jugendgarantie, Gründungsförderung, Qualifizierung und Arbeitsmarktreformen.
Doch daraus entstand nicht automatisch eine Unternehmernation.
Die eigentliche Lehre lautet deshalb nicht:
„Arbeitslosigkeit ist gut, dann gründen alle.“
Sondern:
Eine widerstandsfähige Arbeitsgesellschaft braucht mehrere Wege, über die Menschen wirtschaftlich aktiv werden können.
Angestellt, Selbstständig, Teilzeit, Projektarbeit, Unternehmerisch, Temporär, Hybrid.
Und auch Übergänge dazwischen.
Je mehr Türen existieren, desto weniger hängt ein Mensch davon ab, dass exakt eine davon gerade geöffnet ist.
Was wir wissen
Der klassische Arbeitnehmerstatus ist in Deutschland weiterhin klar dominant. 2025 gab es rund 42,2 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und etwa 3,7 Millionen Selbstständige. Ein unmittelbar bevorstehendes „Ende des Angestelltenverhältnisses“ lässt sich daraus nicht ableiten.
Gleichzeitig verändert sich die Struktur innerhalb der Beschäftigung.
Die Teilzeitquote abhängig Beschäftigter erreichte 2025 nach Destatis 31,9 Prozent und damit einen Höchststand.
Nach der breiteren IAB-Arbeitszeitrechnung lag die Teilzeitquote 2025 bei 39,9 Prozent. Rund 4,68 Millionen Beschäftigte hatten einen Nebenjob.
In der EU arbeiteten 2024 rund 17,1 Prozent der Erwerbstätigen Teilzeit; in den Niederlanden waren es 38,6 Prozent, in Österreich 30,7 Prozent und in Deutschland 28,9 Prozent.
Plattformarbeit hat neue Möglichkeiten geschaffen, zusätzliches Einkommen zu erzielen. EU-Schätzungen gingen 2022 von rund 28,3 Millionen Plattformarbeitenden aus; für viele war sie eine zusätzliche Einkommensquelle neben regulärer Arbeit. Die genaue aktuelle Größenordnung ist allerdings statistisch unsicher.
Spanien erlitt nach 2008 einen außergewöhnlich schweren Jugendbeschäftigungsschock. Die Jugendarbeitslosigkeit stieg auf mehr als 50 Prozent und erreichte 2013 ungefähr 55 Prozent.
Programme zur Förderung von Jugendunternehmertum und Selbstständigkeit wurden anschließend deutlich ausgeweitet. Mehr als 100.000 Unter-30-Jährige hatten bis Ende 2014 eine spanische Beitragsvergünstigung für neue Selbstständige genutzt.
Gleichzeitig blieb Jugendunternehmertum in Spanien langfristig vergleichsweise schwach. 2025 gehörte Spanien beim Anteil junger Menschen unter den Selbstständigen sogar zu den Schlusslichtern der EU.
Und bei künstlicher Intelligenz spricht die aktuelle ILO-Forschung eher für eine Transformation von Tätigkeiten als für eine vollständige Abschaffung aller betroffenen Berufe.
Was noch unklar ist
Wir wissen nicht, ob irgendwann tatsächlich die Mehrheit der Bevölkerung außerhalb eines klassischen Beschäftigungsverhältnisses arbeiten wird.
Dafür gibt es derzeit keine belastbare Grundlage.
Möglicherweise passiert etwas anderes:
Menschen bleiben Arbeitnehmer, aber nicht ausschließlich.
Ein Arbeitnehmer besitzt zusätzlich ein Unternehmen.
Ein Teilzeitbeschäftigter arbeitet zusätzlich projektweise.
Ein Selbstständiger übernimmt zeitweise eine Beschäftigung.
Eine ältere Fachkraft reduziert ihre Stelle und berät parallel.
Ein Spezialist arbeitet gleichzeitig für mehrere Firmen, dann würden klassische Arbeitnehmer statistisch weiterhin Millionen Menschen ausmachen.
Ihre wirtschaftliche Realität wäre trotzdem wesentlich hybrider.
Offen ist außerdem, wie stark KI diese Entwicklung beschleunigt.
Unternehmen könnten Arbeit stärker projektisieren.
Sie könnten aber ebenso beschließen, wichtige Kompetenzen wieder stärker intern aufzubauen.
Ebenso ist nicht entschieden, ob Plattformarbeit überwiegend:
gute zusätzliche Möglichkeiten oder mehr prekäre Arbeit erzeugt.
Das hängt stark von:
Regulierung, Verhandlungsmacht, Qualifikation, sozialer Sicherung und konkretem Geschäftsmodell ab.
Was als Nächstes wichtig wird
Wir sollten deshalb in den kommenden Jahren weniger auf die reine Zahl der Arbeitslosen schauen und stärker auf die Struktur von Erwerbsbiografien.
Wie viele Menschen besitzen mehr als eine Einkommensquelle?
Wie viele kombinieren Beschäftigung und Selbstständigkeit?
Wie entwickelt sich Mehrfachbeschäftigung?
Welche Berufe werden stärker projektbasiert?
Wie viele Menschen nutzen Plattformen nur zusätzlich?
Wie viele sind vollständig von ihnen abhängig?
Wie funktioniert Altersvorsorge bei wechselnden Erwerbsformen?
Wer bezahlt Weiterbildung?
Und besonders wichtig:
Kann ein Mensch zwischen Beschäftigung, Selbstständigkeit und Projektarbeit wechseln, ohne jedes Mal durch ein anderes soziales Sicherungssystem zu fallen?
Das könnte langfristig wichtiger werden als die klassische Diskussion:
Vollzeit oder Teilzeit?
Einordnung von ROQ News
Die Arbeitswelt der Zukunft wird wahrscheinlich nicht arbeitslos.
Sie könnte vielmehr unordentlicher werden:
Ein Arbeitgeber, eine Tätigkeit, ein Gehalt, eine Karriere.
Diese Ordnung war wirtschaftlich bequem.
Für Unternehmen. Für Sozialversicherungen. Für Statistiker und teilweise auch für Arbeitnehmer.
Doch Digitalisierung senkt die Kosten, Arbeit anders zu organisieren.
Plattformen können Nachfrage und Kompetenz zusammenbringen.
Videokonferenzen lösen geografische Grenzen.
Cloudsoftware ermöglicht Zusammenarbeit über Unternehmen hinweg.
KI macht Einzelne produktiver.
Unternehmen können Spezialkompetenz kurzfristiger einkaufen.
Menschen können leichter eigene Dienstleistungen und Produkte anbieten.
Gleichzeitig wächst Teilzeit.
Millionen Menschen besitzen Nebenjobs.
Und einige Branchen bestehen schon heute zu großen Teilen aus Selbstständigen.
Das bedeutet nicht:
Der Arbeitsvertrag stirbt.
Vielleicht passiert etwas subtileres.
Der Arbeitsvertrag wird von der gesamten Erwerbsbiografie zu einem Baustein innerhalb der Erwerbsbiografie.
Spanien zeigte nach 2008 die harte Version dieser Entwicklung.
Wenn Millionen junge Menschen keinen Arbeitsplatz finden, suchen sie zwangsläufig andere Wege:
Selbstständigkeit, Gelegenheitsarbeit, Teilzeit, Auswanderung, Weiterbildung, informelle Arbeit, Gründung.
Das war kein idealer Wandel.
Es war eine Anpassungsreaktion auf eine Krise.
Die nächste Transformation könnte anders verlaufen.
Nicht aus Massenarbeitslosigkeit.
Sondern durch:
Digitalisierung, Arbeitskräftemangel, KI, neue Lebensmodelle und den Wunsch von Unternehmen nach flexibler Kompetenz.
Die entscheidende politische und wirtschaftliche Aufgabe besteht deshalb nicht darin, Menschen unbedingt in ein altes Modell zu pressen.
Aber genauso wenig darin, sämtliche Verantwortung auf den Einzelnen abzuschieben.
Die bessere Arbeitswelt wäre eine, in der ein Mensch sagen kann:
Ich bin heute angestellt.
Nebenbei baue ich etwas Eigenes auf.
Morgen reduziere ich meine Stunden.
Später arbeite ich für mehrere Unternehmen.
Und wenn ich wieder eine feste Stelle möchte, kann ich zurückwechseln.
Ohne dabei seine:
Krankenversicherung, Rente, Existenzsicherung, Weiterbildung oder gesellschaftliche Anerkennung zu verlieren.
Vielleicht lautet deshalb die große Arbeitsmarktfrage des kommenden Jahrzehnts nicht:
„Wo entstehen die neuen Jobs?“
Sondern:
„Wie bauen wir eine Gesellschaft, in der Menschen auch dann wirtschaftlich sicher leben können, wenn ihr Einkommen künftig nicht mehr nur aus einem einzigen Job stammt?“
Das wäre tatsächlich ein fundamentaler Wandel der Arbeitswelt.
Michael Langner
Gründer & CEO von Cast RoyalQuellen
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Vollzeitbeschäftigte arbeiteten 2025 im Schnitt 39,9 Wochenstunden – Statistisches BundesamtSonstige · veröffentlicht 27.05.2026 · abgerufen 11.09.2026
- Sonstige · veröffentlicht 29.11.2021 · abgerufen 11.09.2026
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Ergebnisse der IAB-Arbeitszeitrechnung für das Jahr 2025: Teilzeitbeschäftigte arbeiteten 13,2 Millionen Stunden – Institut für Arbeitsmarkt und BerufsforschungSonstige · veröffentlicht 03.03.2026 · abgerufen 11.09.2026
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Arbeitsmarkt – Statistisches BundesamtSonstige · veröffentlicht 31.07.2026 · abgerufen 11.09.2026
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