Was ist passiert?
Die Europäische Kommission hat am 9. September 2026 ihren Vorschlag für einen European Innovation Act vorgelegt.
Wichtig:
Der European Innovation Act ist noch kein geltendes EU-Gesetz.
Es handelt sich um einen Gesetzgebungsvorschlag. Das Verfahren läuft nach dem ordentlichen europäischen Gesetzgebungsverfahren; im Europäischen Parlament befindet es sich derzeit in der Vorbereitungsphase.
Der Vorschlag konzentriert sich insbesondere auf zwei Probleme.
Erstens: Patente und geistiges Eigentum sollen leichter zu Kapital werden
Innovative Unternehmen besitzen häufig wertvolles geistiges Eigentum... etwa Patente, Technologien oder Forschungsergebnisse.
Das Problem:
Eine Fabrikhalle kann eine Bank relativ einfach bewerten.
Ein neuartiges Patent möglicherweise deutlich schwerer.
Genau hier will die EU ansetzen.
Geplant ist ein gemeinsamer europäischer Rahmen zur Bewertung geistigen Eigentums.
Zusätzlich soll ein EU-weiter digitaler Marktplatz entstehen, auf dem geistiges Eigentum leichter angeboten, gefunden und kommerzialisiert werden kann.
Unternehmen sollen außerdem Unterstützung erhalten, um Forschungsergebnisse erfolgreicher in marktfähige Produkte zu überführen.
Die Kommission schätzt, dass diese Maßnahmen langfristig bis zu 10,2 Milliarden Euro zusätzliche Finanzierung pro Jahr mobilisieren könnten.
Wichtig ist das Wort:
könnten.
Dabei handelt es sich um eine Folgenabschätzung beziehungsweise Prognose der EU-Kommission... nicht um bereits realisierte Finanzierung.
Zweitens: Der Staat soll häufiger zum ersten Kunden von Innovation werden können
Der zweite große Bereich betrifft die öffentliche Beschaffung von Forschung und Entwicklung.
Öffentliche Institutionen gehören zusammen zu den größten Einkäufern Europas, doch gerade junge Technologien haben ein klassisches Problem:
Niemand möchte der erste Kunde sein.
Ohne ersten Kunden gibt es jedoch keine Referenz.
Ohne Referenz wird Wachstum schwieriger.
Der Innovation Act soll deshalb einen gemeinsamen europäischen Rahmen für Forschungs- und Entwicklungsbeschaffung schaffen.
Öffentliche Auftraggeber aus verschiedenen Mitgliedstaaten sollen leichter gemeinsam innovative Lösungen entwickeln und beschaffen können.
Die EU erwartet dadurch mehr Rechtssicherheit, größere gemeinsame Projekte und einen schnelleren Weg neuer Technologien in reale Märkte.
Nach Berechnungen der Kommission könnten daraus langfristig zusätzliche Unternehmensgewinne von rund 25,92 Milliarden Euro jährlich sowie Einsparungen öffentlicher Auftraggeber von etwa einer Milliarde Euro pro Jahr entstehen.
Auch diese Zahlen sind Prognosen... keine garantierten Effekte.
Ein dritter Baustein läuft parallel: regulatorische Sandboxes
Fast gleichzeitig hat die Kommission gemeinsame Grundprinzipien für sogenannte regulatorische Sandboxes vorgeschlagen.
Das Prinzip dahinter ist einfach:
Eine neue Technologie passt möglicherweise noch nicht sauber in bestehende Regeln.
Anstatt sie deshalb jahrelang außerhalb des Marktes zu halten, kann sie in einem kontrollierten Umfeld unter Aufsicht getestet werden.
Regulatorische Sandboxes sollen Unternehmen und Behörden ermöglichen, Innovationen unter realen Bedingungen auszuprobieren und gleichzeitig zu lernen, welche Regulierung tatsächlich notwendig ist.
Die EU nutzt solche Ansätze bereits unter anderem im Zusammenhang mit KI, Blockchain-Infrastruktur und klimaneutralen Technologien.
Am 9. September 2026 schlug die Kommission nun gemeinsame Grundprinzipien vor, damit solche Experimentierräume innerhalb Europas konsistenter eingesetzt werden können.
ROQ Einordnung – Warum ist diese Nachricht wichtig?
Der European Innovation Act ist interessant, weil er ein Problem adressiert, über das Europa lange erstaunlich wenig gesprochen hat.
Wir haben Innovation häufig mit Forschung verwechselt.
Mehr Forschungsförderung, mehr Universitätsprogramme, mehr wissenschaftliche Projekte, mehr Patente.
All das ist wichtig, aber ein Patent erzeugt noch keinen Weltmarktführer.
Eine wissenschaftliche Entdeckung schafft noch kein neues Industrieunternehmen und eine Forschungsförderung bedeutet noch lange nicht, dass die daraus entstehende Technologie anschließend in Europa produziert wird.
Die Europäische Kommission beschreibt inzwischen selbst, dass bestehende Forschungs- und Innovationspolitik vor allem Wissen, Zusammenarbeit und Forschungsprojekte unterstützt... aber nur einen Teil dessen abdeckt, was notwendig ist, um Ergebnisse tatsächlich vom Labor in den Markt zu bringen.
Genau hier liegt die eigentliche Bedeutung des Innovation Acts.
Europa beginnt, die gesamte Innovationskette zu betrachten:
Forschung → geistiges Eigentum → Finanzierung → Test → erster Kunde → Markt → Skalierung.
Und genau zwischen diesen Stationen verlieren europäische Innovationen häufig Geschwindigkeit.
Der möglicherweise wichtigste Hebel: Der erste Kunde
Besonders spannend ist deshalb das Thema öffentliche Beschaffung, denn Europa besitzt möglicherweise einen Hebel, der bisher nicht konsequent als Innovationsinstrument genutzt wurde.
Den Staat, Kommunen, Krankenhäuser, Universitäten, Verkehrsbetriebe, Energieversorger, Behörden, öffentliche Infrastrukturunternehmen.
All diese Institutionen kaufen jedes Jahr enorme Mengen an Produkten und Dienstleistungen, wenn öffentliche Beschaffung ausschließlich bedeutet:
„Wer liefert die etablierte Lösung möglichst günstig?“
fördert der Staat hauptsächlich vorhandene Märkte.
Wenn öffentliche Beschaffung teilweise auch fragt:
„Welche neue Lösung könnten wir gemeinsam entwickeln und testen?“
kann daraus ein Markt entstehen.
Genau das könnte für Deep-Tech-Unternehmen entscheidend sein, denn insbesondere neue Industrie-, Medizin-, Energie- oder Mobilitätstechnologien benötigen häufig reale Testumgebungen, bevor private Großkunden bereit sind, sie einzusetzen.
Auswirkungen auf Unternehmen, Arbeitnehmer und Kommunen
Für Unternehmen
Für innovative Unternehmen könnte der European Innovation Act zwei der schwierigsten Wachstumsphasen verbessern:
Finanzierung und Markteintritt.
Ein Start-up kann eine hervorragende Technologie besitzen und trotzdem scheitern, wenn Investoren ihren wirtschaftlichen Wert nur schwer bewerten können.
Ein standardisierterer Umgang mit geistigem Eigentum könnte besonders Deep-Tech-Unternehmen helfen, denn deren größter Vermögenswert besteht häufig nicht aus Gebäuden oder Maschinen.
Er besteht aus:
Patenten, Algorithmen, Forschung, Materialinnovationen, Produktionsverfahren, technologischem Know-how.
Wenn diese Werte verlässlicher bewertet werden können, könnten zusätzliche Finanzierungsmodelle entstehen.
Der zweite Hebel ist möglicherweise noch wichtiger.
Öffentliche Auftraggeber könnten häufiger zu ersten Referenzkunden werden.
Für ein junges Unternehmen kann ein erfolgreiches Pilotprojekt mit einer Kommune, einem Krankenhaus oder einem Verkehrsbetrieb mehr wert sein als eine weitere Förderzusage.
Denn danach kann das Unternehmen sagen:
Unsere Technologie funktioniert nicht nur im Labor. Sie funktioniert bereits im realen Betrieb.
Und genau daraus beginnt Skalierung.
Für Arbeitnehmer
Auch für Arbeitnehmer ist der Innovation Act indirekt relevant, denn die entscheidende Frage lautet nicht nur:
Wo wird eine Technologie erfunden?
Sondern:
Wo entstehen anschließend Unternehmen, Produktion und Arbeitsplätze?
Wenn europäische Forschung in Europa kommerzialisiert wird, können daraus neue Tätigkeitsfelder entstehen.
Ingenieurwese, Softwareentwicklung, Produktion, Vertrieb, Wartung, Cybersecurity, Datenanalyse, Forschung, technische Dienstleistungen.
Neue Märkte benötigen neue Kompetenzen.
Das bedeutet gleichzeitig:
Weiterbildung wird noch wichtiger, denn ein innovationsstärkeres Europa wäre nicht automatisch ein Europa, in dem alle bisherigen Tätigkeiten unverändert bestehen bleiben.
Im Gegenteil.
Neue Technologien verändern Arbeit, aber wenn diese Technologien hier entwickelt und skaliert werden, besitzt Europa eine bessere Chance, nicht nur Anwender zu sein, sondern auch die neuen Arbeitsplätze rund um diese Systeme aufzubauen.
Für Kommunen
Für Kommunen könnte der European Innovation Act besonders interessant werden, denn Städte und Landkreise könnten zukünftig stärker als Testfelder für neue Technologien auftreten.
Autonome Mobilität, digitale Verwaltung, Energie, Smart-City-Systeme, Pflege, Gesundheit, Kreislaufwirtschaft, Drohnen, Katastrophenschutz, neue Verkehrssysteme.
Viele Innovationen benötigen reale Umgebungen und genau diese besitzen Kommunen.
Wenn gemeinsame europäische Regeln öffentliche Forschungs- und Entwicklungsbeschaffung erleichtern, könnten Kommunen häufiger mit Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen Pilotprojekte durchführen.
Damit verändert sich kommunale Wirtschaftsförderung.
Eine Kommune müsste dann nicht ausschließlich versuchen, fertige Unternehmen anzusiedeln.
Sie könnte selbst Teil eines Innovationsökosystems werden.
Die entscheidende Frage könnte künftig lauten:
Welche Technologie kann in unserer Region erstmals unter realen Bedingungen funktionieren?
Gerade für kleinere Regionen kann darin eine große Chance liegen.
Nicht jede Region braucht ein zweites Silicon Valley, aber eine Region kann in einem bestimmten Technologiefeld zum europäischen Teststandort werden.
Chancen & Risiken
Potenziale und mögliche Zielkonflikte werden bewusst nebeneinandergestellt.
Der European Innovation Act greift mehrere reale Schwachstellen auf.
Forschung könnte schneller wirtschaftlich nutzbar werden
Wenn Forschungsergebnisse nicht jahrelang zwischen Universität, Patentamt, Investor und Unternehmen hängen bleiben, steigt die Chance auf Kommerzialisierung.
Geistiges Eigentum könnte stärker als Kapitalquelle dienen
Gerade technologieintensive Unternehmen besitzen häufig wenig klassische Sicherheiten, aber wertvolle Patente und Technologien.
Ein besserer Bewertungsrahmen könnte Finanzierung erleichtern.
Öffentliche Nachfrage könnte neue Märkte schaffen
Der Staat wäre nicht mehr ausschließlich Förderer.
Er könnte stärker zum Kunden werden.
Europäische Skalierung könnte leichter werden
Gemeinsame Rahmenbedingungen können verhindern, dass Unternehmen dieselbe Innovationsstrategie in jedem Mitgliedstaat praktisch neu beginnen müssen.
Regulierung könnte lernen
Regulatory Sandboxes drehen eine klassische Denkweise teilweise um.
Nicht:
Erst perfekte Regeln schreiben und anschließend Innovation zulassen.
Sondern:
Innovation kontrolliert testen... und daraus bessere Regeln entwickeln.
Das wäre tatsächlich ein bemerkenswerter Kulturwandel.
Der Innovation Act löst Europas Innovationsprobleme jedoch nicht automatisch.
Ein neues Regelwerk kann selbst neue Bürokratie schaffen
Europa besitzt eine gewisse Begabung dafür, Bürokratie mit neuer Bürokratie bekämpfen zu wollen.
Der Erfolg wird deshalb davon abhängen, wie einfach die Instrumente in der Praxis funktionieren.
Wenn ein Start-up erst zwölf Formulare benötigt, um an einer Innovations-Sandbox teilzunehmen, haben wir das Problem lediglich neu verpackt.
Öffentliche Beschaffung bleibt langsam
Neue Regeln allein verändern noch keine Verwaltungskultur.
Behörden benötigen Menschen, die innovative Technologien bewerten können.
Sie brauchen Budgets, Risikobereitschaft, Kompetenzen und politische Rückendeckung.
Prognosen sind keine Ergebnisse
Die Milliardenbeträge der Kommission sind Modellrechnungen.
Ob tatsächlich jährlich 10,2 Milliarden Euro zusätzliche Finanzierung oder fast 26 Milliarden Euro zusätzliche Unternehmensgewinne entstehen, wird erst die Umsetzung zeigen.
ROQ NEWS behandelt diese Zahlen deshalb ausdrücklich als Prognosen der EU-Kommission.
Europa braucht weiterhin privates Wachstumskapital
Eine bessere Patentbewertung hilft, öffentliche Pilotprojekte helfen, Sandboxes helfen, aber ein Unternehmen, das anschließend Milliarden für internationale Expansion benötigt, braucht weiterhin große private Kapitalmärkte.
Der European Innovation Act ist deshalb ein Baustein.
Nicht die vollständige Lösung.
Perspektivenwechsel
Vielleicht ist der wichtigste Bestandteil des European Innovation Acts gar kein einzelner Paragraph.
Vielleicht ist es die Erkenntnis dahinter.
Europa hat lange versucht, Innovation hauptsächlich zu finanzieren.
Jetzt beginnt Europa zu verstehen, dass Innovation auch einen Markt benötigt.
Ein Labor kann eine Technologie entwickeln.
Ein Förderprogramm kann ihre Entwicklung bezahlen, aber irgendwann benötigt jemand den Mut zu sagen:
Wir setzen sie ein.
Genau dort entsteht aus Forschung Wirtschaft und vielleicht liegt Europas Innovationsproblem deshalb weniger zwischen Idee und Erfindung, sondern zwischen:
Erfindung und erster Bestellung.
Was wir wissen
Die Europäische Kommission hat den European Innovation Act am 9. September 2026 vorgeschlagen.
Der Vorschlag umfasst insbesondere einen europäischen Rahmen zur Bewertung geistigen Eigentums und eine Plattform zur Kommerzialisierung von IP sowie einen harmonisierten Ansatz für Forschungs- und Entwicklungsbeschaffung.
Parallel schlägt die Kommission gemeinsame Prinzipien für regulatorische Sandboxes vor.
Der Innovation Act ist Bestandteil der europäischen Startup- und Scaleup-Strategie sowie des Competitiveness Compass.
Was noch unklar ist
Der endgültige Gesetzestext steht noch nicht fest.
Europäisches Parlament und Rat müssen über den Vorschlag beraten.
Änderungen sind deshalb möglich.
Ebenfalls offen ist, wie schnell die vorgesehenen Instrumente praktisch umgesetzt werden können.
Unklar ist außerdem, wie stark Banken und Investoren einen gemeinsamen europäischen Bewertungsrahmen für geistiges Eigentum tatsächlich für Finanzierungen nutzen werden.
Und schließlich muss sich erst zeigen, ob öffentliche Auftraggeber innovative Beschaffung tatsächlich stärker einsetzen, denn Gesetze können Experimentierräume ermöglichen.
Experimentierfreude können sie nicht verordnen.
Was als Nächstes wichtig wird
Jetzt beginnt das eigentliche politische Verfahren und entscheidend werden insbesondere vier Punkte sein:
Wie verändert das Europäische Parlament den Vorschlag?
Wie positionieren sich die Mitgliedstaaten?
Wie konkret werden die Regeln für die Bewertung geistigen Eigentums?
Und wie einfach können Unternehmen und öffentliche Auftraggeber die neuen Instrumente später tatsächlich nutzen?
Danach wird eine andere Kennzahl wichtiger als jede politische Ankündigung:
Wie viele europäische Technologien schaffen tatsächlich den Sprung vom Forschungsprojekt zum wachsenden Unternehmen?
Einordnung von ROQ News
Der European Innovation Act ist keine technologische Revolution, aber möglicherweise ist er Ausdruck eines wichtigen europäischen Lernprozesses.
Europa erkennt zunehmend:
Forschung allein erzeugt noch keinen Wohlstand.
Erst wenn Wissen zu Produkten wird, Produkte Kunden finden und Unternehmen anschließend skalieren, entsteht wirtschaftliche Stärke.
Die interessante Entwicklung besteht deshalb nicht darin, dass Brüssel ein weiteres Gesetz vorgeschlagen hat.
Sie besteht darin, welches Problem dieses Gesetz inzwischen anerkennt.
Europa muss nicht mehr nur besser forschen.
Europa muss schneller ausprobieren.
Schneller finanzieren.
Schneller erste Kunden finden.
Und schneller skalieren.
Der European Innovation Act kann dafür einige Türen öffnen.
Durchgehen müssen Unternehmen, Investoren, Behörden und Regionen allerdings selbst.
Denn aus einer guten Idee wird erst dann Innovation, wenn sie die Realität erreicht.
Michael Langner
Gründer & CEO von Cast RoyalQuellen
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The EU’s plan to grow innovation in Europe – Europäische KommissionSonstige · veröffentlicht 09.09.2026 · abgerufen 15.09.2026
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European Innovation Act – Europäische KommissionSonstige · veröffentlicht 09.09.2026 · abgerufen 15.09.2026
-
European Innovation Act – Europäisches ParlamentSonstige · veröffentlicht 09.09.2026 · abgerufen 15.09.2026
-
Ensuring EU legislation supports innovation – European CommissionSonstige · veröffentlicht 09.09.2026 · abgerufen 15.09.2026
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Neues europäisches Innovationsgesetz: – European CommissionSonstige · veröffentlicht 09.09.2026 · abgerufen 15.09.2026
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