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Digitalisierung ROQ Analyse

Berufe, die es gestern noch nicht gab: Warum wir uns auf eine Arbeitswelt vorbereiten müssen, die noch keinen Namen hat

Bestätigte Informationen

Was ist passiert?

Der Arbeitsmarkt befindet sich weltweit in einer gewaltigen Verschiebung.
Das World Economic Forum erwartet in seinem Future of Jobs Report 2025 auf Grundlage einer Befragung von mehr als 1.000 großen Arbeitgebern weltweit bis 2030 rund 170 Millionen neu entstehende Stellen, während gleichzeitig etwa 92 Millionen bestehende Stellen verdrängt werden könnten.
Unter dem Strich wäre das ein Plus von rund 78 Millionen Stellen.
Das ist keine Garantie dafür, dass diese exakten Zahlen eintreten. Es ist eine Arbeitgeberprojektion, aber die Richtung ist interessant, denn die Arbeitswelt schrumpft nach dieser Einschätzung nicht einfach.
Sie wird umgebaut.
Besonders schnell wachsen demnach Tätigkeiten rund um:
Big Data, FinTech, künstliche Intelligenz und Machine Learning, Softwareentwicklung, Informationssicherheit, Elektromobilität, Umwelttechnik und erneuerbare Energien.
Gleichzeitig erwartet das WEF, dass sich bis 2030 im Durchschnitt rund 39 Prozent der heute vorhandenen Fähigkeiten von Beschäftigten verändern oder an Bedeutung verlieren könnten.
Das heißt nicht:
39 Prozent der Menschen verlieren ihren Beruf.
Es heißt:
Ein erheblicher Teil dessen, was Menschen innerhalb ihres Berufes können müssen, verändert sich.
Und genau dort entstehen neue berufliche Profile.
Deutschland besitzt aktuell 324 anerkannte duale Ausbildungsberufe
Das BIBB führt im Verzeichnis 2026 insgesamt 324 nach Berufsbildungsgesetz beziehungsweise Handwerksordnung anerkannte Ausbildungsberufe.
Das klingt nach einer gewaltigen Auswahl und das ist es auch.
Doch die Wirtschaft kennt wesentlich mehr Tätigkeiten als diese 324 Ausbildungsberufe, denn ein Ausbildungsberuf ist nicht dasselbe wie jede mögliche Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt.
Ein Unternehmen kann beispielsweise jemanden beschäftigen als:
Data Scientist. Robotik-Integrator. Digital Product Manager. XR-Entwickler. KI-Projektmanager. Cybersecurity-Spezialist. Digital-Twin-Experte.
Solche Berufsprofile können aus:
Studium, Ausbildung, Weiterbildung, Berufserfahrung, oder Kombinationen verschiedener Kompetenzen entstehen.
Und genau darin liegt eine zentrale Besonderheit des modernen Arbeitsmarktes.
Ein offizieller Beruf entsteht häufig erst, nachdem die Wirtschaft ihn längst benötigt
Der Gestalter für immersive Medien ist ein gutes Beispiel.
Virtual Reality, Augmented Reality, 3D-Animationen und immersive Anwendungen existierten bereits Jahre, bevor Deutschland dafür 2023 einen eigenen dualen Ausbildungsberuf schuf.
Das BIBB begründete die Einführung ausdrücklich damit, dass für entsprechende Anwendungen zuvor keine eigene duale Berufsausbildung existierte, während der praktische Bedarf zunehmend gewachsen war.
Das bedeutet:
Zuerst entstand die Technologie. Dann entstanden Anwendungen. Dann brauchten Unternehmen Menschen dafür.
Menschen arbeiteten bereits mit diesen Technologien und irgendwann sagte das Bildungssystem:
Dafür brauchen wir jetzt ein eigenes strukturiertes Berufsbild.
Beim E-Commerce war es ähnlich, denn der Onlinehandel wuchs und Unternehmen benötigten neue Fähigkeiten.
2018 entstand schließlich der neue Ausbildungsberuf Kaufmann beziehungsweise Kauffrau im E-Commerce.
Berufe entstehen also häufig nach der wirtschaftlichen Realität.
Nicht davor.
Und genau deshalb entstehen gerade wieder neue Berufswelten
Schauen wir auf einige Technologien, die aktuell wachsen.
Künstliche Intelligenz. Robotik. Drohnen. Digitale Zwillinge. Smart Buildings. Datenräume. Cybersecurity. XR. Energiesysteme. Autonome Fahrzeuge. Neue Materialien.
All diese Bereiche benötigen Menschen, aber häufig nicht nur klassische Spezialisten.
Sie benötigen Übersetzer zwischen Fachgebieten.
Ein Maschinenbauer, der KI versteht.
Ein Handwerker, der Gebäudeautomation versteht.
Ein Betriebswirt, der Daten versteht.
Ein Designer, der 3D-Räume versteht.
Ein Logistiker, der Robotik versteht.
Ein Jurist, der KI-Systeme versteht.
Ein Pflegeexperte, der digitale Assistenzsysteme versteht.
Ein Produktionsmitarbeiter, der Roboter einlernen kann.
Und hier wird es spannend.
Denn daraus entstehen Tätigkeiten, für die es möglicherweise noch keinen jahrzehntelang etablierten Berufsweg gibt.
ROQ News

ROQ Einordnung – Warum ist diese Nachricht wichtig?

Weil wir die Debatte über die Zukunft der Arbeit häufig falsch führen.

Sie lautet meistens:

Welche Jobs nimmt KI weg?

Das ist eine legitime Frage, aber sie betrachtet nur eine Seite.

Die zweite Frage müsste lauten:

Welche Arbeit existiert erst durch KI?

Und noch wichtiger:

Welche bestehenden Berufe verändern sich so stark, dass daraus praktisch neue Berufsbilder entstehen?

Die Geschichte wiederholt dieses Muster ständig.

Als das Auto kam, verloren bestimmte Tätigkeiten an Bedeutung.

Gleichzeitig entstanden:

Automechaniker. Tankstellenpersonal. Automobilingenieure. Fahrlehrer. Verkehrsplaner. Autoversicherungen. Straßenbau. Logistikberufe und gigantische industrielle Lieferketten.

Als das Internet entstand, wusste niemand, dass einmal Millionen Menschen arbeiten würden als:

Webentwickler. SEO-Spezialisten. Social-Media-Manager. Cloud Engineers. App-Entwickler. Content Manager. Cybersecurity-Spezialisten. E-Commerce-Manager. UX-Designer.

Viele dieser Berufe wären 1985 schwer zu erklären gewesen und genau deshalb wäre es arrogant anzunehmen, dass wir heute bereits sämtliche Berufe des Jahres 2040 kennen.

Die Arbeitswelt der Zukunft besteht nicht nur aus den heutigen Berufen mit KI daneben. Sie wird Tätigkeiten enthalten, für die wir heute teilweise noch nicht einmal einen vernünftigen Namen besitzen.

Auswirkungen auf Unternehmen, Arbeitnehmer und Kommunen

Die Entstehung neuer Berufe klingt zunächst nach einer einfachen Entwicklung:

Neue Technologie entsteht. Neue Aufgaben entstehen. Neue Stellen entstehen.

Doch in der Praxis verändert sich dadurch wesentlich mehr, denn ein Beruf ist nicht nur eine Berufsbezeichnung.

Dahinter stehen:

Ausbildung, Recruiting, Weiterbildung, Gehaltssysteme. Arbeitsorganisation. Berufsschulen. Hochschulen. Arbeitsvermittlung und regionale Wirtschaftsstrukturen.

Wenn neue Tätigkeiten schneller entstehen, als diese Systeme reagieren können, entsteht eine ungewöhnliche Situation:

Die Wirtschaft benötigt Fähigkeiten, für die es teilweise noch gar keinen etablierten Berufsweg gibt.

Vor zwanzig Jahren waren viele heutige Tätigkeiten rund um Cloud Computing, Social Media, App-Entwicklung, Data Science, Cybersecurity oder künstliche Intelligenz entweder noch nicht vorhanden oder wesentlich kleiner als heute. Ähnliche Verschiebungen sind auch künftig zu erwarten.

Damit wird die Entstehung neuer Berufe zu einer Aufgabe für die gesamte Arbeitswelt.

Unternehmen müssen Stellen schaffen, bevor es dafür fertige Fachkräfte gibt

Für Arbeitgeber entsteht ein grundsätzliches Problem.

Ein Unternehmen erkennt beispielsweise:

Wir benötigen jemanden, der unsere Geschäftsprozesse versteht. KI-Systeme einsetzen kann. Daten beurteilen kann. Automatisierung umsetzt. Mitarbeiter dabei mitnimmt und gleichzeitig wirtschaftlich denkt.

Dann kann es passieren, dass genau für diese Kombination noch kein klassischer Ausbildungsberuf existiert.

Die traditionelle Reaktion wäre:

Stellenanzeige schreiben. Bestimmten Abschluss verlangen. Drei bis fünf Jahre Berufserfahrung verlangen. Und anschließend feststellen:

„Wir finden niemanden.“

Doch wie soll jemand fünf Jahre Berufserfahrung in einer Tätigkeit besitzen, die in dieser Form erst seit zwei Jahren existiert?

Genau deshalb müssen Unternehmen ihre Personalstrategie verändern.

Die Frage darf nicht ausschließlich lauten:

Welche Berufsbezeichnung hatte diese Person bisher?

Sondern stärker:

Welche Fähigkeiten besitzt sie... und welche fehlenden Fähigkeiten können wir entwickeln?

Damit bekommt interne Weiterbildung einen völlig neuen Stellenwert.

Ein guter Mitarbeiter aus Vertrieb, Produktion, Verwaltung oder Technik muss nicht zwangsläufig ersetzt werden, sobald neue Technologie entsteht.

Vielleicht benötigt er:

neue Werkzeuge, neues Wissen, eine neue Spezialisierung und eine veränderte Rolle.

Unternehmen werden deshalb zunehmend selbst zu einem Teil des Ausbildungssystems.

Nicht indem sie Schulen ersetzen, sondern indem sie Kompetenzen entwickeln, für die der Arbeitsmarkt noch keine ausreichende Zahl fertiger Fachkräfte liefern kann.

Die Unternehmen mit dem größten Vorteil werden künftig nicht diejenigen sein, die die meisten fertigen Fachkräfte finden... sondern diejenigen, die vorhandene Menschen am schnellsten für neue Aufgaben entwickeln können.

Arbeitnehmer bekommen mehr Möglichkeiten... aber auch mehr Eigenverantwortung

Für Beschäftigte besitzt diese Entwicklung zwei Seiten.

Auf der einen Seite entsteht Unsicherheit.

Eine Berufsbezeichnung garantiert nicht mehr automatisch, dass die dahinterliegenden Aufgaben über Jahrzehnte gleich bleiben.

Technologie verändert Tätigkeiten innerhalb bestehender Berufe.

Manche Aufgaben verschwinden.

Andere werden automatisiert.

Neue kommen hinzu.

Und teilweise entstehen daraus komplett neue berufliche Rollen.

Auf der anderen Seite eröffnet genau das neue Möglichkeiten.

Ein Mensch muss nicht mehr zwangsläufig mit Anfang zwanzig die berufliche Entscheidung treffen, die sein gesamtes Leben bestimmt.

Berufsbiografien können beweglicher werden.

Aus einem:

Produktionsmitarbeiter kann jemand werden, der automatisierte Systeme überwacht.

Aus einem:

Sachbearbeiter kann jemand werden, der digitale Prozesse steuert.

Aus einem:

Vertriebsmitarbeiter kann jemand werden, der KI-gestützte Kundenprozesse entwickelt.

Aus einem:

Handwerker kann jemand werden, der zusätzlich digitale Gebäude-, Energie- oder Sensortechnik beherrscht.

Der entscheidende Wert liegt dann häufig nicht darin, alles Bisherige wegzuwerfen.

Sondern:

bestehende Erfahrung mit neuen Fähigkeiten zu verbinden.

Gerade deshalb darf ein Berufswechsel mit 40, 50 oder 55 Jahren künftig nicht automatisch als Scheitern gelten. In einer Wirtschaft, deren Tätigkeiten sich schneller verändern, kann berufliche Umorientierung zu einem normalen Teil einer Erwerbsbiografie werden.

Das verändert auch die Vorstellung von beruflicher Sicherheit.

Sicherheit bedeutet möglicherweise künftig weniger:

„Mein Arbeitsplatz verändert sich nicht.“

Sondern stärker:

„Ich kann mich verändern, wenn sich mein Arbeitsplatz verändert.“

Weiterbildung wird dadurch nicht mehr nur zur Reparaturmaßnahme nach Arbeitslosigkeit.

Sie wird zu einem normalen Bestandteil des Berufslebens.

Kommunen und Regionen müssen neue Kompetenzen früher erkennen

Auch Städte und Regionen betrifft diese Entwicklung direkt.

Denn neue Berufe entstehen nicht überall gleichzeitig.

Eine Region mit:

Automobilindustrie benötigt andere neue Kompetenzen als eine Region mit:

Tourismus.

Eine Gesundheitsregion benötigt andere Qualifikationen als ein Standort mit:

Halbleiterindustrie, Logistik, Energietechnik, oder Maschinenbau.

Damit wird die Frage nach zukünftigen Berufen zunehmend zu regionaler Wirtschaftspolitik.

Kommunen können nicht selbst bestimmen, welcher Beruf in zehn Jahren entsteht, aber sie können die Bedingungen schaffen, unter denen Menschen schneller auf neue Anforderungen vorbereitet werden.

Dafür müssen:

Unternehmen, Berufsschulen, Hochschulen, Weiterbildungsträger, Arbeitsagenturen, Kammern und Wirtschaftsförderungen stärker miteinander verbunden werden.

Regionale Weiterbildungsstrukturen werden dadurch selbst zu einem Standortfaktor.

Stell dir zwei Regionen vor.

In beiden entsteht innerhalb weniger Jahre eine neue Industrie.

Region A wartet, bis Unternehmen öffentlich über Fachkräftemangel klagen.

Dann werden Programme entwickelt.

Region B erkennt früh:

Diese Unternehmen kommen - diese Technologien entstehen - diese Fähigkeiten werden benötigt.

Sie beginnt vorher:

Weiterbildungen aufzubauen, Schulen einzubinden, Quereinsteiger vorzubereiten und bestehende Beschäftigte weiterzuentwickeln.

Welche Region wird für neue Unternehmen attraktiver?

Wahrscheinlich die zweite.

Damit verändert sich auch Wirtschaftsförderung.

Es reicht künftig nicht mehr nur:

Gewerbeflächen bereitzustellen, Unternehmen anzusiedeln und Infrastruktur zu bauen.

Eine Region muss zunehmend auch fragen:

Besitzen wir die Menschen und Kompetenzen, die zukünftige Unternehmen hier benötigen werden?

Vielleicht wird die erfolgreichste Kommune der Zukunft deshalb nicht diejenige mit dem größten Gewerbegebiet.

Sondern diejenige, die am schnellsten erkennt, welche neuen Fähigkeiten ihre Wirtschaft morgen braucht - und heute damit beginnt, sie aufzubauen.

Der eigentliche Wandel betrifft deshalb das gesamte System

Neue Berufe entstehen nicht isoliert.

Sie verändern gleichzeitig:

Recruiting, Weiterbildung, Karrierewege, Bildung, Arbeitsvermittlung, Unternehmensentwicklung und regionale Standortpolitik.

Das macht die Entwicklung größer als die Frage:

„Welche zehn neuen Jobs entstehen durch KI?“

Die wichtigere Frage lautet:

Wie baut eine Gesellschaft Menschen für Aufgaben auf, deren Berufsbezeichnung heute möglicherweise noch niemand kennt?

Denn genau darin könnte eine der größten Herausforderungen der zukünftigen Arbeitswelt liegen.

Wir müssen Menschen auf eine Arbeitswelt vorbereiten, deren konkrete Stellenanzeigen teilweise noch gar nicht geschrieben wurden.

Neutrale Einordnung

Chancen & Risiken

Potenziale und mögliche Zielkonflikte werden bewusst nebeneinandergestellt.

Chancen
Menschen müssen nicht auf den perfekten Ausbildungsberuf warten.
Das ist eine enorme Chance für Erwachsene.
Vielleicht bist du 35, oder 45, oder 55 und dein bisheriger Beruf verändert sich.
Dann musst du nicht zwangsläufig drei Jahre vollständig von vorne beginnen.
Vielleicht kannst du vorhandenes Wissen kombinieren.
Ein Beispiel:
20 Jahre Erfahrung in der Logistik + Weiterbildung in Datenanalyse + KI-Anwendungen kann wertvoller sein als ein Mensch, der zwar KI kennt, aber noch nie ein Lager von innen gesehen hat.
Oder:
Elektriker + Gebäudeautomation + Energiemanagement + IT-Netzwerke.
Genau daraus entstehen neue Kompetenzprofile.
Quereinsteiger bekommen eine völlig neue Bedeutung
Früher konnte Quereinstieg wirken wie:
„Ich habe den falschen Beruf gelernt.“
In einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt kann er etwas völlig anderes bedeuten:
„Ich verbinde zwei Welten, die bisher getrennt waren.“
Und genau diese Menschen können besonders wertvoll werden.
Ein Betriebswirt mit Programmierverständnis.
Ein Handwerker mit KI-Kompetenz.
Ein Pfleger mit Digitalisierungserfahrung.
Ein Maschinenbauer mit Datenkompetenz.
Ein Pädagoge mit XR-Erfahrung.
Solche Kombinationen werden schwieriger durch eine einzige klassische Berufsbezeichnung beschrieben, aber Unternehmen benötigen sie trotzdem.
Selbstständigkeit ermöglicht Berufserfindung besonders schnell.
Noch interessanter wird es für Unternehmer und Selbstständige.
Ein Angestellter muss häufig auf eine vorhandene Stellenbeschreibung passen.
Ein Unternehmer kann eine Leistung definieren, für die es vorher vielleicht überhaupt keinen etablierten Namen gab.
Die Frage lautet dann:
Welches Problem löse ich?
Nicht:
Wie heißt mein Beruf offiziell?
Deutschland verzeichnete 2025 zudem wieder mehr Gründungsaktivität: Die Zahl der Neugründungen von Gewerben stieg laut Destatis gegenüber dem Vorjahr um 7,7 Prozent, die Zahl der Gründungen größerer Betriebe um 7,6 Prozent. Das beweist nicht, dass dabei automatisch neue Berufsgruppen entstanden sind, zeigt aber, dass weiterhin neue wirtschaftliche Tätigkeit aufgebaut wird.
Ein völlig neues Dienstleistungsangebot kann der Beginn eines neuen Marktes sein.
Der Mittelstand könnte solche hybriden Menschen besonders brauchen
Ein Konzern kann für jedes Problem einen Spezialisten einstellen.
Ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern nicht, denn dort ist jemand besonders wertvoll, der mehrere Dinge verbindet.
Zum Beispiel:
Prozess verstehen. Software verstehen. Mitarbeiter mitnehmen. Technologie auswählen. Wirtschaftlichkeit berechnen.
Genau solche Brückenrollen könnten durch Digitalisierung weiter an Bedeutung gewinnen.
Risiken
Fantasienamen machen noch keinen Beruf. Hier liegt die Gegenseite.
Ein LinkedIn-Titel allein erzeugt keinen wirtschaftlichen Wert.
Man kann sich:
Chief Future Vision Officer, AI Transformation Ninja, oder Digital Innovation Guru nennen. Wenn niemand versteht, was man tatsächlich kann, ist damit wenig gewonnen.
Ein neues Berufsprofil muss deshalb immer beantworten können:
Welches konkrete Problem löse ich?
Für wen?
Mit welcher Kompetenz?
Und welchen messbaren Nutzen erzeuge ich?
Das ist wichtiger als der Titel.
Neue Tätigkeiten benötigen trotzdem echte Kompetenz
Die Freiheit, neue Berufsbilder zu entwickeln, darf nicht dazu führen, Fachwissen abzuwerten.
Ein Wochenendkurs macht niemanden zum Cybersecurity-Experten.
Drei KI-Prompts machen niemanden zum Prozessberater.
Ein VR-Headset macht niemanden zum XR-Entwickler.
Gerade neue Berufsfelder brauchen häufig eine Kombination aus:
Grundlagen, Praxis, Weiterbildung, Projekterfahrung und nachweisbarer Kompetenz.
Nicht weniger Qualifikation. Oft sogar mehr.
Reglementierte Tätigkeiten bleiben geschützt
Auch das muss klar bleiben.
Man kann neue Dienstleistungen entwickeln, aber gesetzlich geschützte Berufsbezeichnungen und Tätigkeiten bleiben an Voraussetzungen gebunden.
Die Bundesagentur nennt beispielsweise Medizinberufe, Rechtsberufe, staatliches Lehramt und weitere regulierte Tätigkeiten. Auch Berufsbezeichnungen wie Ingenieur können rechtlich geschützt sein.
Berufliche Kreativität endet dort, wo Sicherheit und gesetzliche Qualifikationsanforderungen beginnen.
Hype-Berufe können genauso schnell verschwinden, wie sie entstehen
Ein neuer Jobtitel kann plötzlich sehr gefragt sein und zwei Jahre später kaum noch.
Gerade im Technologiebereich entwickeln sich Werkzeuge extrem schnell und genau deshalb ist es gefährlich, seine gesamte Identität an eine Software zu hängen.
Besser ist:
Problemverständnis, Branchenwissen, Methodenkompetenz, Lernfähigkeit und darauf aufbauend aktuelle Technologie.
Werkzeuge verändern sich.
Probleme bleiben häufig länger bestehen.

Perspektivenwechsel

Vielleicht müssen wir Jugendlichen eine andere Frage stellen.
Nicht:
„Was willst du später einmal werden?“
Diese Frage suggeriert, dass irgendwo eine fertige Liste liegt und der Mensch muss sich für einen Eintrag entscheiden.
Vielleicht sollten wir fragen:
Was interessiert dich?
Was kannst du gut?
Welche Probleme möchtest du lösen?
Welche Technologien verändern diesen Bereich?
Welche Fähigkeiten könntest du miteinander kombinieren?
Das verändert Berufsorientierung fundamental.
Ein Mensch muss dann nicht mit 16 entscheiden:
Ich bin für die nächsten 50 Jahre Beruf X.
Er kann sagen:
Ich beginne mit einer Grundlage.
Zum Beispiel Elektrotechnik. Dann lerne ich Gebäudeautomation. Später Energiesysteme. Danach vielleicht KI-gestützte Gebäudesteuerung und zehn Jahre später besitzt er einen beruflichen Schwerpunkt, dessen exakte Berufsbezeichnung heute vielleicht noch niemand kennt.
Das ist kein Mangel an Orientierung.
Das ist berufliche Evolution.
Vielleicht werden wir in Zukunft nicht mehr einmal einen Beruf lernen. Wir bauen über Jahrzehnte ein persönliches Kompetenzprofil.
Und dieser Gedanke kann Menschen enorm entlasten.
Man muss nicht heute wissen, welcher Job 2040 existiert. Man muss lernen, anschlussfähig zu bleiben.
Der Lebenslauf könnte zum Baukasten werden, denn früher war ein Lebenslauf oft linear.
Ausbildung, Beruf, Aufstieg, Rente.
Die neue Arbeitswelt könnte häufiger aussehen wie:
Ausbildung. Praxis. Weiterbildung. Spezialisierung. Quereinstieg. Neue Technologie. Neues Projekt. Vielleicht Selbstständigkeit. Vielleicht zurück in eine Festanstellung. Neue Kompetenz. Neue Rolle.
Dann ist ein Berufswechsel nicht automatisch Scheitern.
Er kann normale wirtschaftliche Anpassung sein und genau deshalb wird die Fähigkeit zu lernen wahrscheinlich wertvoller als die Vorstellung, einmal alles gelernt zu haben.

Was wir wissen

Deutschland besitzt 2026 324 staatlich anerkannte duale Ausbildungsberufe nach BBiG beziehungsweise HwO.
Neue Berufe können entstehen, wenn technologische und wirtschaftliche Entwicklungen neue Kompetenzprofile verlangen. Beispiele der vergangenen Jahre sind der Kaufmann beziehungsweise die Kauffrau im E-Commerce, der Elektroniker beziehungsweise die Elektronikerin für Gebäudesystemintegration und der Gestalter beziehungsweise die Gestalterin für immersive Medien.
2026 wurden 22 duale Ausbildungsberufe modernisiert. Damit reagiert das Berufsbildungssystem unter anderem auf Digitalisierung, Nachhaltigkeit und veränderte betriebliche Prozesse.
Global erwarten Arbeitgeber laut Future of Jobs Report 2025 besonders starkes Wachstum bei technologie-, daten-, sicherheits- und energienahen Rollen. Gleichzeitig werden Veränderungen bei einem erheblichen Teil der benötigten Fähigkeiten erwartet.
Die meisten Berufe in Deutschland sind nicht reglementiert. Für bestimmte geschützte Berufe und Berufsbezeichnungen gelten jedoch gesetzliche Voraussetzungen.

Was noch unklar ist

Niemand kann heute zuverlässig sagen:
Das sind die 20 wichtigsten Berufe des Jahres 2040.
Wer das behauptet, verkauft eher Gewissheit als Zukunftsforschung.
Technologische Entwicklung ist dafür zu dynamisch.
Vielleicht wird ein heute spektakuläres Berufsbild vollständig von Software absorbiert.
Vielleicht entsteht aus einer Technologie, die heute kaum jemand kennt, eine Millionenbranche.
Auch lässt sich nicht jede neue Tätigkeit sofort statistisch erfassen.
Jobtitel unterscheiden sich zwischen Unternehmen.
Ein „AI Transformation Manager“ kann bei Unternehmen A etwas völlig anderes tun als bei Unternehmen B.
Deshalb sollte man beim Thema Zukunftsberufe nicht zu stark auf Namen schauen.
Entscheidender sind die Fähigkeiten darunter.

Was als Nächstes wichtig wird

Für Menschen, die sich beruflich neu orientieren, könnte eine andere Strategie sinnvoll werden.
Nicht zuerst:
Welche Ausbildung soll ich machen?
Sondern:
Welche Entwicklung wächst?
Dann:
Welche Probleme entstehen dadurch?
Welche Unternehmen haben dieses Problem?
Welche meiner bisherigen Fähigkeiten passen dazu?
Welche Kompetenz fehlt mir noch?
Kann ich sie über Ausbildung, Studium, Weiterbildung oder praktische Projekte aufbauen?
Und schließlich:
Kann ich daraus eine Tätigkeit formen, für die jemand bereit ist zu bezahlen?
Genau hier beginnt berufliche Eigenverantwortung.
Nicht im Sinne:
Jeder ist allein verantwortlich, wenn der Arbeitsmarkt sich verändert.
Unternehmen, Staat und Bildungssystem tragen ebenfalls Verantwortung, aber Menschen besitzen heute mehr Möglichkeiten als früher, ihr berufliches Profil selbst zu formen.
ROQ News

Einordnung von ROQ News

Wenn wir über die Zukunft der Arbeit sprechen, reden wir zu häufig über Verlust.
Welche Jobs verschwinden?
Was macht KI überflüssig?
Was automatisieren Roboter?
Welche Tätigkeit wird nicht mehr gebraucht?
Diese Fragen sind berechtigt, aber sie erzählen nur die Hälfte der Geschichte.
Denn jede große technologische Veränderung hat auch neue Tätigkeiten hervorgebracht.
Das Internet vernichtete bestimmte Geschäftsmodelle.
Und schuf gleichzeitig:
Webentwickler. SEO-Spezialisten. E-Commerce-Manager. Social-Media-Manager. Cloud Engineers. Cybersecurity-Spezialisten. App-Entwickler. Data Scientists.
Die Energiewende schafft neue Aufgaben.
Robotik schafft neue Aufgaben.
KI schafft neue Aufgaben.
XR schafft neue Aufgaben.
Drohnen schaffen neue Aufgaben.
Und manche dieser Tätigkeiten werden irgendwann so selbstverständlich wirken, dass sich niemand mehr vorstellen kann, dass sie einmal „neu“ waren.
Der wahrscheinlich wichtigste Impuls lautet deshalb:
Wir sollten nicht ausschließlich versuchen, Menschen auf die Berufe von gestern vorzubereiten. Wir müssen ihnen zutrauen, bei der Entstehung der Berufe von morgen selbst mitzuwirken.
Vielleicht existiert dein nächster Beruf bereits.
Vielleicht trägt er nur einen anderen Namen.
Vielleicht entsteht er gerade.
Oder vielleicht existiert er noch gar nicht und genau das muss nicht beängstigend sein.
Es kann eine enorme Chance sein, denn zum ersten Mal besitzen sehr viele Menschen Zugriff auf:
Wissen, digitale Werkzeuge, KI, Online-Lernen, globale Märkte, Software, Produktionsmöglichkeiten und Kommunikationskanäle für die früher ganze Unternehmen notwendig waren.
Damit kann ein einzelner Mensch heute Kompetenzen kombinieren und Leistungen anbieten, die vor zwanzig Jahren organisatorisch kaum möglich gewesen wären.
Der Arbeitsmarkt der Zukunft könnte deshalb weniger aus starren Kästchen bestehen.
Und stärker aus Menschen, die sagen:
Ich verstehe dieses Problem.
Ich habe mir die Fähigkeiten aufgebaut, es zu lösen.
Und daraus mache ich meine Arbeit.
Vielleicht sollten wir deshalb mit der Vorstellung aufhören, ein Beruf müsse bereits existieren, bevor man ihn ergreifen kann.
Manche Menschen werden in Zukunft keinen Beruf finden, der perfekt zu ihnen passt. Sie werden einen bauen.
Autor

Michael Langner

Gründer & CEO von Cast Royal
Verantwortliche Redaktion

Michael Langner

Gründer & CEO von Cast Royal

Quellen

  1. Neu: Kaufmann und Kauffrau im E-Commerce – Bundesinstitut für Berufsbildung
    Sonstige · veröffentlicht 01.09.2018 · abgerufen 02.09.2026
  2. Fachmedium · veröffentlicht 28.07.2026 · abgerufen 02.09.2026
  3. The Future of Jobs Report 2025 – World Econemic Forum
    Fachmedium · veröffentlicht 07.01.2026 · abgerufen 02.09.2026
  4. Arbeiten in virtuellen Welten – Bundesinstitut für Berufsbildung
    Fachmedium · veröffentlicht 18.04.2023 · abgerufen 02.09.2026
  5. Neue und geänderte Berufe – Bundesagentur für Arbeit
    Sonstige · abgerufen 02.09.2026
  6. Informationen zu Aus- und Fortbildungsberufen – Bundesinstitut für Berufsbildung
    Fachmedium · abgerufen 02.09.2026
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Redaktionell geprüft Stand: 03.09.2026
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