Was ist passiert?
Gerade im europäischen Deep-Tech-Bereich wird immer deutlicher, dass klassische Startup-Zeitvorstellungen nicht für jede Technologie funktionieren.
Die OECD weist in ihrem aktuellen Bericht zur Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen darauf hin, dass Innovationen mit langen Entwicklungszyklen... beispielsweise Deep Tech, Energie- und Umwelttechnologien... häufig Schwierigkeiten haben, klassisches Risikokapital anzuziehen.
Deep-Tech-Unternehmen benötigen laut den dort zitierten Untersuchungen durchschnittlich etwa 25 bis 40 Prozent länger zwischen Finanzierungsrunden als andere Technologieunternehmen und tragen in den einzelnen Entwicklungsphasen höhere Ausfallrisiken.
Das ergibt Sinn.
Ein Softwareunternehmen kann heute eine Anwendung veröffentlichen und morgen erste Nutzungsdaten erhalten.
Ein Unternehmen, das einen neuen Halbleiter entwickelt, kann das nicht.
Auch der European Innovation Council erkennt diese Besonderheit inzwischen ausdrücklich an.
Der EIC Fund spricht bei Deep-Tech-Investitionen von „patient capital“ und arbeitet mit einem langfristigen Anlagehorizont von normalerweise sieben bis zehn Jahren... in bestimmten Fällen bis zu 15 Jahren.
Der EIC Accelerator ist ausdrücklich für wissenschaftsbasierte und technologische Durchbrüche gedacht, bei denen erheblicher Kapitalbedarf besteht und über längere Zeiträume noch keine Rendite erwirtschaftet werden kann.
Das ist ein fundamentaler Unterschied zu einem Geschäftsmodell, das innerhalb weniger Monate beweisen kann, ob Kunden dafür bezahlen.
Wie lang echte technologische Entwicklung dauern kann
Ein extremes Beispiel ist die Medikamentenentwicklung.
Das amerikanische National Institutes of Health beschreibt allein für die nichtklinische Forschung typischerweise etwa zwei bis fünf Jahre, anschließend können klinische Studien weitere zwei bis zehn Jahre dauern. Danach folgt noch das regulatorische Prüfverfahren.
Eine 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Übersicht nennt für den gesamten klassischen Weg eines neuen Wirkstoffs bis zur erfolgreichen Zulassung weiterhin häufig Größenordnungen von zehn bis 15 Jahren.
Ein Startup in diesem Bereich kann deshalb nach drei Jahren hervorragende Fortschritte gemacht haben... und trotzdem noch keinen Umsatz mit seinem späteren Kernprodukt erzielen.
Wenn ein Investor dort dieselben Erwartungen anlegt wie bei einer neuen SaaS-Software, entsteht ein Bewertungsfehler.
Nicht jede Innovation besitzt dieselbe Uhr.
Aber genau deshalb muss alles andere schneller werden
Und hier entsteht das Paradox.
Je länger eine Technologie naturgemäß für ihre Entwicklung benötigt, desto weniger Zeit sollte zusätzlich durch unnötige organisatorische Verzögerungen verloren gehen.
Wenn eine klinische Entwicklung Jahre dauert, sollten nicht zusätzlich Monate vergehen, weil eine interne Entscheidung auf drei Ausschüsse wartet.
Wenn eine neue Materialtechnologie 500 Testzyklen benötigt, darf das nächste Experiment nicht weitere acht Wochen auf eine Budgetfreigabe warten.
Wenn eine Fabrik erst nach jahrelanger Entwicklung gebaut werden kann, sollte die Genehmigung nicht deshalb langsam sein, weil dieselben Informationen mehrfach eingereicht werden müssen.
Technologische Geduld und organisatorische Geschwindigkeit sind keine Gegensätze.
Sie gehören zusammen.
Europa beginnt diesen Unterschied selbst zu erkennen
Interessanterweise zeigt selbst der European Innovation Council 2026, dass man Prozesse schneller machen kann, ohne deshalb wissenschaftliche Standards abzusenken.
Beim EIC Accelerator wurde das Antragsverfahren vereinfacht.
Vollanträge wurden nach Angaben des EIC beispielsweise von ungefähr 50 auf 20 Seiten reduziert.
Bewertungen sollen nun alle zwei Monate stattfinden statt nur alle sechs Monate.
Das ist ein kleines Beispiel, aber ein wichtiges.
Die Technologie wird dadurch nicht künstlich schneller reif.
Eine Batterie benötigt weiterhin Tests.
Ein Medikament weiterhin klinische Daten.
Aber die Organisation um die Technologie herum kann schneller werden.
Und genau diesen Unterschied müssen Unternehmen, Investoren und Politik verstehen.
ROQ Einordnung – Warum ist diese Nachricht wichtig?
Vielleicht sollten wir überhaupt aufhören, von der einen Innovationsgeschwindigkeit zu sprechen.
Es gibt mindestens zwei.
Geschwindigkeit eins: die Technologie
Wie schnell kann ein System physikalisch, wissenschaftlich oder technisch entwickelt werden?
Das lässt sich nicht beliebig beschleunigen.
Ein Langzeittest braucht Zeit.
Biologische Prozesse brauchen Zeit.
Alterungstests brauchen Zeit.
Klinische Studien brauchen Zeit.
Ein neuer Produktionsprozess benötigt Erfahrungen.
Diese Zeit ist nicht automatisch Verschwendung.
Sie erzeugt Erkenntnis.
Geschwindigkeit zwei: die Organisation
Wie lange dauert es, bis eine Entscheidung getroffen wird?
Wie schnell bekommt ein Team Ressourcen?
Wie schnell beginnt das nächste Experiment?
Wie schnell bekommt ein Startup einen Pilotkunden?
Wie schnell wird ein Vertrag geprüft?
Wie schnell wird nach einem gescheiterten Versuch die nächste Variante getestet?
Diese Geschwindigkeit ist sehr wohl veränderbar.
Und genau dort entsteht ein enormer Wettbewerbsvorteil.
Zwei Unternehmen können dieselbe Technologie besitzen... und trotzdem Jahre auseinanderliegen
Stellen wir uns zwei Unternehmen vor.
Beide entwickeln eine neue Batterietechnologie.
Für jeden wichtigen Entwicklungszyklus benötigen beide technisch sechs Monate.
Unternehmen A braucht zwischen zwei Entwicklungszyklen zusätzlich vier Monate für:
Budget, Planung, Entscheidungen, Lieferantenfreigaben, interne Abstimmungen.
Unternehmen B benötigt dafür vier Wochen.
Nach einem einzigen Zyklus beträgt der Unterschied vielleicht nur drei Monate.
Nach fünf Entwicklungszyklen sind daraus bereits mehr als ein Jahr geworden.
Nicht weil Unternehmen B bessere Chemie besitzt, sondern weil es zwischen den Experimenten weniger Zeit verliert.
Das ist ein entscheidender Gedanke:
Innovation wird nicht nur dadurch schneller, dass Experimente schneller werden.
Sie wird auch schneller, wenn die Pausen zwischen den Experimenten kürzer werden.
Langfristiges Denken ist etwas anderes als langsames Handeln
Gerade in Europa werden diese beiden Dinge häufig vermischt.
Ein Unternehmen sagt:
Wir verfolgen eine langfristige Strategie.
Gut, aber langfristige Strategie bedeutet nicht:
Wir entscheiden langsam.
Im Gegenteil.
Ein Unternehmen kann ein Ziel für die nächsten zehn Jahre besitzen und trotzdem heute Nachmittag eine Entscheidung treffen.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Eigenschaften wirklich innovativer Organisationen:
Langfristig denken. Kurzfristig handeln.
Das Ziel bleibt stabil.
Die einzelnen Wege dorthin werden ständig getestet.
Silicon Valley wird hier ebenfalls häufig falsch verstanden
Das berühmte „Move fast“ bedeutet nicht zwangsläufig:
Technologie ohne Sicherheitsprüfung auf den Markt werfen.
Gerade bei Medizin, Luftfahrt, Energie oder autonomen Systemen wäre das fahrlässig.
Der relevante Gedanke lautet vielmehr:
Entscheidungen, die reversibel sind, sollten nicht behandelt werden, als wären sie irreversibel.
Ein Prototyp kann verworfen werden.
Eine kleine Softwarefunktion kann zurückgerollt werden.
Ein Pilot kann beendet werden.
Eine Fabrik für zwei Milliarden Euro dagegen nicht.
Gute Innovatoren unterscheiden deshalb zwischen:
kleinen Wetten und großen Wetten.
Je reversibler eine Entscheidung ist, desto schneller kann sie getroffen werden.
Auswirkungen auf Unternehmen, Arbeitnehmer und Kommunen
Für Unternehmen: Nicht jede Entscheidung braucht denselben Prozess
Unternehmen sollten anfangen, Entscheidungen nach ihrem Risiko zu unterscheiden.
Ein neues Produktlogo benötigt keinen Vorstandsausschuss.
Ein Test mit 20 Kunden benötigt keinen Fünfjahres-Businessplan.
Eine Produktionsanlage für 500 Millionen Euro dagegen sehr wohl eine gründliche Prüfung.
Das klingt selbstverständlich.
In vielen Organisationen existieren jedoch standardisierte Prozesse, die kleine und große Entscheidungen nahezu gleich behandeln.
Das Ergebnis:
Kleine Experimente werden künstlich groß gemacht.
Und damit langsam.
Eine innovationsfähige Organisation sollte deshalb mindestens drei Klassen unterscheiden:
reversible Experimente, größere strategische Entscheidungen und irreversible beziehungsweise sicherheitskritische Entscheidungen.
Dann bekommt jede Klasse den Aufwand, den sie tatsächlich benötigt.
Das verändert auch Kapital
Für klassische Start-ups lautet häufig die Erwartung:
Wachstum, Umsatz, nächste Finanzierungsrunde, noch mehr Wachstum.
Bei Deep Tech funktioniert diese Logik teilweise anders.
Das EIC arbeitet deshalb ausdrücklich mit langfristigem Kapital.
Sein Investmentansatz sieht normalerweise sieben bis zehn Jahre bis zum Exit vor und kann bis zu 15 Jahre reichen.
Das bedeutet nicht, dass ein Unternehmen 15 Jahre nichts beweisen muss.
Ganz im Gegenteil.
Es muss ständig neue Beweise liefern:
Technologie funktioniert, Prototyp funktioniert, Pilot funktioniert, Kosten sinken, Produktion funktioniert, Kundeninteresse entsteht.
Aber nicht jede Phase muss bereits Profit erzeugen.
Kapital muss Meilensteine finanzieren... nicht nur Umsatz.
Für Arbeitnehmer: Schnelligkeit bedeutet nicht Dauerstress
Dieser Punkt ist wichtig.
Wenn wir sagen:
Unternehmen müssen schneller werden, darf daraus nicht entstehen:
Menschen müssen permanent schneller arbeiten.
Das wäre eine völlig falsche Interpretation.
Organisatorische Geschwindigkeit entsteht nicht zwangsläufig durch:
mehr Überstunden, mehr Druck, mehr Aufgaben, weniger Pausen.
Sie kann sogar durch das Gegenteil entstehen.
Weniger Meetings, klare Zuständigkeiten, weniger Doppelarbeit, bessere Software, schnellerer Informationszugang, kleinere Teams, klare Entscheidungen.
Ein Mitarbeiter kann acht Stunden konzentriert arbeiten und in einer schnellen Organisation wesentlich mehr bewirken als jemand, der zwölf Stunden arbeitet und sechs davon in Abstimmungen verbringt.
Innovationstempo ist nicht Arbeitstempo.
Es ist Systemtempo.
Arbeitnehmer brauchen außerdem Geduld mit Lernkurven
Neue Technologien erzeugen nicht sofort Produktivität.
Wir haben das bereits bei unserer KfW-Analyse gesehen:
Neue Technologien können eine J-Kurve erzeugen.
Zunächst entstehen Kosten.
Schulung, Integration, Experimente, Fehler.
Erst später entsteht der Produktivitätsgewinn.
Für Arbeitnehmer bedeutet das:
Es muss erlaubt sein, eine neue Technologie zunächst langsamer zu benutzen als die alte, sonst entsteht ein absurdes Problem.
Ein Unternehmen führt ein neues System ein und erwartet ab Tag eins höhere Produktivität.
Mitarbeiter experimentieren nicht. Sie greifen zurück auf alte Prozesse.
Und irgendwann erklärt das Management:
„Die Technologie bringt nichts.“
Innovation benötigt Lernzeit, aber keine Verwaltungszeit.
Für Kommunen: Genehmigungszeit wird zum Standortfaktor
Auch Kommunen und Regionen müssen diesen Unterschied verstehen.
Eine neue Technologie kann fünf Jahre Entwicklung benötigen, aber wenn eine Kommune anschließend noch zwei Jahre braucht, um überhaupt ein Pilotprojekt zu ermöglichen, entsteht daraus ein Standortproblem.
Gerade bei:
Energie, Mobilität, Drohnen, autonomen Systemen, Industrieanlagen, Reallaboren, oder neuen Bau- und Energietechnologien wird die Geschwindigkeit administrativer Prozesse zunehmend Teil der Innovationsfähigkeit einer Region.
Das bedeutet nicht:
Sicherheitsstandards abschaffen, Umweltprüfungen abschaffen, Bürgerrechte ignorieren.
Es bedeutet:
Prüfen, was geprüft werden muss... aber nicht länger als notwendig.
Eine schnelle Kommune kann dadurch plötzlich einen Vorteil besitzen
Nehmen wir zwei Regionen.
Beide besitzen geeignete Testflächen.
Beide haben Hochschulen.
Beide besitzen Unternehmen.
In Region A benötigt ein Pilotprojekt zwölf Monate Vorbereitung.
In Region B drei Monate.
Wo wird das nächste Startup testen?
Vielleicht wird genau daraus ein Standortvorteil.
Nicht durch niedrigere Standards, sondern durch bessere Prozesse, damit verändert sich regionale Wirtschaftsförderung.
Neben:
Flächen, Steuern, Infrastruktur und Fachkräften wird plötzlich etwas anderes wichtig:
Wie schnell kann hier etwas Neues Realität werden?
Chancen & Risiken
Potenziale und mögliche Zielkonflikte werden bewusst nebeneinandergestellt.
Europa besitzt gerade bei Deep Tech eine große Chance.
Denn viele zukünftige Schlüsseltechnologien passen nicht perfekt zum klassischen Silicon-Valley-Modell extrem schneller Softwareentwicklung, Quantencomputer, neue Materialien, Biotechnologie, Energietechnologien, Halbleiter, Robotik, Medizintechnik.
Europa besitzt in vielen dieser Felder starke Forschung und Industrie.
Der EIC meldete 2026 beispielsweise, dass von ihm unterstützte Unternehmen inzwischen insgesamt 15,5 Milliarden Euro Kapital aufgenommen haben; zwölf Finanzierungsrunden lagen über 100 Millionen Euro.
Hier könnte Europas Vorteil liegen:
geduldiges Kapital für lange Technologiezyklen – kombiniert mit schnellen organisatorischen Entscheidungen.
Das wäre ein wesentlich stärkeres Modell als der Versuch, jede Silicon-Valley-Logik einfach zu kopieren.
Aber genau hier lauert das Gegenproblem.
Ein Unternehmen sagt seit sieben Jahren:
„Deep Tech braucht eben Zeit.“
Die Technologie verbessert sich kaum.
Kosten sinken nicht.
Kein Pilot funktioniert.
Kundeninteresse bleibt aus.
Trotzdem wird weiterfinanziert.
Das ist keine Geduld.
Das kann schlicht ein gescheitertes Projekt sein.
Langfristiges Kapital darf deshalb nicht bedingungsloses Kapital bedeuten.
Es braucht Meilensteine.
Nicht:
„Seid ihr schon profitabel?“
Aber:
Hat sich die Technologie verbessert?
Wurde das technische Risiko reduziert?
Ist der nächste Reifegrad erreicht?
Gibt es Pilotkunden?
Ist die Produktion realistischer geworden?
Sinken die Stückkosten?
Entstehen Patente?
Steigt das Kundeninteresse?
Geduld benötigt Beweise.
Das zweite Risiko: künstliche Geschwindigkeit
Auch die andere Seite kann gefährlich sein.
Unternehmen können versuchen, Innovation durch unrealistische Deadlines zu erzwingen.
„Das Produkt muss in drei Monaten fertig sein.“
Aber Naturwissenschaft lässt sich nicht durch ein Management-Meeting beschleunigen.
Ein Langzeittest besitzt seinen Namen aus einem Grund.
Eine klinische Studie muss genügend Daten erzeugen.
Eine Batterie muss zeigen, wie sie altert.
Materialien müssen Belastungen überstehen.
Wer solche Prozesse künstlich beschleunigt, riskiert:
schlechte Qualität, Sicherheitsprobleme, Fehlinvestitionen, oder falsche Ergebnisse.
Innovation benötigt deshalb nicht maximale Geschwindigkeit.
Sie benötigt die richtige Geschwindigkeit an der richtigen Stelle.
Perspektivenwechsel
Vielleicht ist die bessere Frage:
Wo genau geht die Zeit verloren?
Geht sie verloren, weil:
ein Experiment laufen muss?
Daten gesammelt werden?
Menschen lernen?
Eine Technologie physikalisch reifen muss?
Dann kann Zeit eine Investition sein, oder geht sie verloren, weil:
niemand entscheiden darf?
Eine E-Mail drei Wochen unbeantwortet bleibt?
Fünf Ausschüsse zustimmen müssen?
Informationen doppelt eingereicht werden?
Niemand Verantwortung übernehmen möchte?
Dann ist Zeit Verschwendung.
Das klingt nach einem kleinen Unterschied.
Wirtschaftlich ist er gewaltig.
Geschwindigkeit ist nicht dasselbe wie Hektik
Ein Unternehmen kann sehr hektisch wirken und trotzdem langsam sein.
Viele Meetings, viele E-Mails, viele Präsentationen, viele Überstunden, viele Projekte.
Alle sind beschäftigt.
Trotzdem passiert wenig.
Ein anderes Unternehmen kann ruhig wirken.
Wenige Meetings, klare Aufgaben, kleine Teams, klare Entscheidungen, Experimente laufen, Ergebnisse werden gemessen.
Dann beginnt der nächste Zyklus.
Welches davon ist schneller?
Nicht das Unternehmen mit der meisten Aktivität.
Sondern das Unternehmen mit der kürzesten Strecke zwischen:
Frage → Entscheidung → Experiment → Erkenntnis → nächste Entscheidung.
Was wir wissen
Deep-Tech-Unternehmen besitzen häufig längere Finanzierungs- und Entwicklungszyklen als klassische Technologieunternehmen. Die OECD verweist für Deep Tech auf durchschnittlich etwa 25 bis 40 Prozent längere Zeiträume zwischen Finanzierungsstufen.
Der European Innovation Council behandelt Deep Tech ausdrücklich als Bereich, in dem hohe Investitionen über lange Zeit notwendig sein können, bevor wirtschaftliche Renditen entstehen. Der EIC Fund arbeitet deshalb mit einem langfristigen Anlagehorizont von typischerweise sieben bis zehn Jahren und maximal bis zu 15 Jahren.
In der Medikamentenentwicklung können allein nichtklinische und klinische Entwicklungsphasen viele Jahre beanspruchen. Das NIH beschreibt typische Zeiträume von zwei bis fünf Jahren für nichtklinische Forschung und zwei bis zehn Jahren für klinische Studien.
Gleichzeitig versucht der EIC 2026 selbst, administrative Prozesse zu beschleunigen... unter anderem mit kürzeren Anträgen und häufigeren Bewertungszyklen.
Was noch unklar ist
Es gibt keine optimale universelle Entwicklungszeit.
Eine App kann innerhalb von Wochen getestet werden.
Ein neues Material benötigt möglicherweise Jahre.
Ein Medikament möglicherweise mehr als ein Jahrzehnt.
Ein Quantencomputer folgt wiederum völlig anderen technologischen Reifezyklen.
Deshalb wäre es genauso falsch zu sagen:
„Innovation muss immer schnell sein.“
wie:
„Innovation braucht eben lange.“
Beide Aussagen sind zu pauschal.
Die relevante Frage lautet:
Welche Verzögerung ist technisch notwendig... und welche ist organisatorisch selbst erzeugt?
Was als Nächstes wichtig wird
Gerade bei europäischen Deep-Tech-Unternehmen sollten wir deshalb künftig nicht nur Finanzierungsvolumen beobachten.
Interessanter werden:
Zeit zwischen Entwicklungsmeilensteinen.
Zeit zwischen Finanzierungsrunden.
Dauer von Genehmigungen.
Zeit vom Prototyp zum Pilotkunden.
Zeit vom erfolgreichen Pilot zur Serienfertigung.
Zeit von der Entscheidung bis zum nächsten Experiment.
Und letztlich:
Wie viel der gesamten Innovationszeit erzeugt tatsächlich Erkenntnis... und wie viel besteht aus Warten?
Das wäre möglicherweise eine der aufschlussreichsten Produktivitätskennzahlen für Innovation überhaupt.
Einordnung von ROQ News
Die größten Innovationen der kommenden Jahrzehnte werden nicht alle über Nacht entstehen.
Ein neues soziales Netzwerk lässt sich schneller ausprobieren als ein Fusionsreaktor.
Ein KI-Tool schneller als ein Medikament.
Eine Software schneller als eine neue Halbleiterfabrik.
Das müssen Investoren, Unternehmen und Politik akzeptieren.
Aber genau daraus darf keine Kultur der Langsamkeit entstehen.
Im Gegenteil.
Wenn die Wissenschaft fünf Jahre braucht, sollte die Organisation nicht sechs daraus machen.
Wenn ein Experiment sechs Monate benötigt, muss die Entscheidung darüber nicht weitere sechs Monate dauern.
Wenn ein Unternehmen zehn Jahre bis zum Markt benötigt, sollte es innerhalb dieser zehn Jahre möglichst viele sinnvolle Lernzyklen schaffen.
Vielleicht ist das deshalb die wirkliche Innovationsgeschwindigkeit:
Nicht wie schnell etwas fertig wird.
Sondern:
Wie wenig Zeit zwischen zwei Erkenntnissen verloren geht.
Langfristig denken, geduldig investieren, sorgfältig testen.
Aber:
schnell entscheiden, schnell lernen und schnell den nächsten Schritt machen.
Das sind keine Widersprüche.
Vielleicht ist genau diese Kombination die eigentliche Hochgeschwindigkeit von Deep Tech.
Michael Langner
Gründer & CEO von Cast RoyalQuellen
- Unternehmen · veröffentlicht 21.08.2026 · abgerufen 20.09.2026
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EIC Fund Investment Guidelines & Approach – European Innovation CouncilSonstige · abgerufen 20.09.2026
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EIC 2026 work programme – European Innovation CouncilSonstige · veröffentlicht 06.11.2025 · abgerufen 20.09.2026
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Global Deep Tech Report 2026 – IHK RegensburgSonstige · veröffentlicht 09.06.2026 · abgerufen 20.09.2026
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Produktivität. Neu gedacht. – Mc KinseyUnternehmen · veröffentlicht 10.06.2026 · abgerufen 20.09.2026
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EIC Impact Report 2026: Europe Strengthens Its Position as a Deep-Tech Scale-Up Hub – Europäische KommissionFachmedium · veröffentlicht 15.06.2026 · abgerufen 20.09.2026
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