Was ist passiert?
Der Zugang zu Krediten hat sich für den deutschen Mittelstand weiter verschlechtert.
Im zweiten Quartal 2026 bewerteten 40,5 Prozent der kreditinteressierten kleinen und mittleren Unternehmen das Verhalten ihrer Banken als restriktiv. Gegenüber dem ersten Quartal stieg dieser Anteil um 6,5 Prozentpunkte. Damit erreichte die KfW-ifo-Kredithürde einen neuen Rekord seit Beginn der Erhebung 2017.
Auch Großunternehmen spüren strengere Bedingungen.
Dort berichteten 32,9 Prozent der Unternehmen, die zuvor Kreditgespräche geführt hatten, von restriktiven Banken.
Parallel dazu zeigt die Unternehmensbefragung 2026 von KfW Research ein grundsätzlich schwächeres Finanzierungsklima.
Nur noch 24 Prozent der befragten Unternehmen bewerten den Kreditzugang als leicht.
Rund 26 Prozent beurteilen die Kreditaufnahme als schwierig.
2024 hatten noch etwa 32 Prozent den Zugang als leicht eingeschätzt.
Noch auffälliger ist eine andere Entwicklung:
Viele Mittelständler wollen offenbar gar nicht mehr zur Bank.
Eine repräsentative Sonderbefragung des KfW-Mittelstandspanels vom Januar 2026 zeigt, dass nur noch 27 Prozent der Mittelständler grundsätzlich bereit sind, einen Bankkredit für Investitionen aufzunehmen.
2023 waren es noch 42 Prozent.
2017 sogar 66 Prozent.
Das bedeutet:
Nicht nur die Banken werden vorsichtiger. Auch Unternehmen selbst werden zurückhaltender.
ROQ Einordnung – Warum ist diese Nachricht wichtig?
Investitionen benötigen Kapital.
Das klingt banal, aber genau dieser Zusammenhang wird in der politischen Wachstumsdebatte manchmal unterschätzt.
Man kann Unternehmen auffordern:
mehr zu digitalisieren, mehr Maschinen zu kaufen, mehr KI einzusetzen, mehr Produktionskapazitäten aufzubauen, mehr Energieeffizienz zu schaffen und neue Produkte zu entwickeln, doch all diese Projekte müssen bezahlt werden.
Große Konzerne besitzen verschiedene Möglichkeiten.
Sie können:
Anleihen ausgeben, Kapitalmärkte nutzen, Eigenkapital aufnehmen, Gewinne reinvestieren, oder große Kreditlinien verhandeln.
Ein kleiner Mittelständler hat diese Auswahl häufig nicht.
Für ihn existieren meist drei zentrale Quellen:
Eigenmittel. Bankkredit. Förderkredit.
Wenn Eigenmittel begrenzt sind und gleichzeitig Banken vorsichtiger werden, wird die Investitionsentscheidung schwieriger.
Genau deshalb kann die Finanzierungssituation eine gesamtwirtschaftliche Bedeutung bekommen.
Eine Volkswirtschaft kann genügend Ideen besitzen und trotzdem zu wenig investieren, wenn der Weg zwischen Idee und Kapital nicht funktioniert.
Auswirkungen auf Unternehmen, Arbeitnehmer und Kommunen
Auswirkungen auf Unternehmen
Für Unternehmen bedeutet ein schwieriger Kreditzugang zunächst höhere Hürden.
Die Bank kann:
mehr Sicherheiten verlangen, höhere Zinsen verlangen, Projekte kleiner finanzieren, zusätzliche Unterlagen fordern, oder eine Finanzierung vollständig ablehnen.
Das verändert Investitionsentscheidungen.
Ein Projekt, das unter günstigen Bedingungen wirtschaftlich sinnvoll wäre, kann plötzlich verschoben werden.
Beispiel:
Ein Unternehmen möchte eine Produktionsanlage modernisieren.
Investitionssumme:
500.000 Euro.
Ein Teil wird aus Eigenmitteln finanziert.
Der Rest über Kredit.
Steigen Zinsen, Sicherheitenanforderungen oder Risikoprämien, verändert sich die Kalkulation, denn dann lautet die Entscheidung möglicherweise nicht mehr:
Wir investieren.
Sondern:
Wir warten noch ein Jahr.
Genau dieses Warten kann langfristig teuer werden, denn die alte Anlage produziert weiter mit:
höherem Energieverbrauch, mehr Wartungsaufwand, geringerer Automatisierung und niedrigerer Produktivität.
Kurzfristig spart das Unternehmen Kapital.
Langfristig kann es Wettbewerbsfähigkeit verlieren.
Auswirkungen auf Arbeitnehmer
Eine schwache Investitionstätigkeit betrifft auch Beschäftigte.
Neue Maschinen und Software werden häufig zuerst als Risiko für Arbeitsplätze wahrgenommen, aber auch fehlende Investitionen können Arbeitsplätze gefährden. Wenn ein Unternehmen technologisch zurückfällt, sinkt möglicherweise seine internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Dann geraten:
Aufträge, Margen, Standorte und langfristig Beschäftigung unter Druck.
Investitionen können deshalb Arbeitsplätze verändern, aber fehlende Investitionen können Arbeitsplätze ebenfalls gefährden.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob Beschäftigte rechtzeitig weitergebildet werden.
Auswirkungen auf kleinere Unternehmen
Kleinere Unternehmen sind besonders empfindlich.
Sie besitzen häufig:
weniger Eigenkapital, weniger Sicherheiten, weniger Finanzierungsalternativen und stärkere Abhängigkeit von einzelnen Banken.
KfW weist darauf hin, dass insbesondere Kleinst- und Dienstleistungsunternehmen bei der Kreditaufnahme besonders zurückhaltend geworden sind.
Das kann zu einem strukturellen Nachteil führen.
Große Unternehmen investieren weiter. Kleine verschieben Projekte.
Dadurch steigt die Produktivitätslücke und irgendwann wird aus einer Finanzierungslücke eine Wettbewerbslücke.
Chancen & Risiken
Potenziale und mögliche Zielkonflikte werden bewusst nebeneinandergestellt.
Förderbanken können Risiken teilweise auffangen
Deutschland besitzt mit der KfW ein Instrument, das gerade bei schwierigen Finanzierungsbedingungen wichtig werden kann.
Förderkredite können:
Zinsen reduzieren, Risiken zwischen Hausbank und Förderbank teilen, Tilgungszeiten verlängern, oder bestimmte Investitionen gezielt unterstützen.
Gerade Investitionen in:
Digitalisierung, Innovation, Energie, Gründung und Wachstum können dadurch erleichtert werden.
Entscheidend ist aber, dass Unternehmen diese Programme verstehen und tatsächlich erreichen.
Der Deutschlandfonds könnte zusätzliche Finanzierung ermöglichen
Parallel wird der Deutschlandfonds aufgebaut.
Sein Ziel ist es, öffentliche Garantien und Kapital einzusetzen, um größere private Investitionen anzustoßen.
Damit könnte langfristig auch die Finanzierung von Wachstumsunternehmen, Industrieprojekten und Mittelstand verbessert werden.
Der Fonds ersetzt klassische Bankfinanzierung nicht, aber er erweitert das Instrumentarium.
Unternehmen können Finanzierung langfristiger planen
Viele Unternehmen denken Finanzierung erst dann durch, wenn die Investition bereits beschlossen ist.
Strategischer wäre:
Zukünftige Investitionen früh identifizieren. Eigenkapital aufbauen. Förderprogramme prüfen. Bankgespräche vorbereiten. Sicherheiten strukturieren und gegebenenfalls Investitionen in mehrere Phasen teilen.
Damit sinkt das Risiko, dass eine strategisch wichtige Modernisierung plötzlich an Finanzierung scheitert.
Alternative Finanzierung kann wichtiger werden
Neben klassischen Bankkrediten können andere Modelle an Bedeutung gewinnen.
Zum Beispiel:
Leasing, Factoring, Beteiligungskapital, Private Debt, Lieferantenfinanzierung, oder strategische Investoren.
Nicht jedes Instrument passt zu jedem Betrieb, aber gerade in einer Phase restriktiver Kreditvergabe kann eine breitere Finanzierungskultur helfen.
Unternehmen verschieben Investitionen dauerhaft
Das größte Risiko besteht nicht darin, dass ein einzelnes Projekt ein Jahr später startet.
Problematisch wird es, wenn viele Unternehmen gleichzeitig verschieben.
Dann sinken:
Maschinenbestellungen, Bauinvestitionen, Softwareprojekte, Digitalisierung und Wachstum.
Das betrifft anschließend wiederum andere Unternehmen.
Ein Maschinenbauer bekommt weniger Aufträge.
Ein IT-Dienstleister weniger Projekte.
Ein Bauunternehmen weniger Erweiterungen.
Eine Investitionszurückhaltung kann sich deshalb durch die Wirtschaft fortpflanzen.
Banken reagieren auf schwache Unternehmensbilanzen
KfW erklärt die gestiegene Vorsicht der Banken unter anderem mit der langen Phase wirtschaftlicher Schwäche. Schwächere Unternehmensbilanzen erhöhen aus Sicht der Banken das Risiko.
Das kann einen Kreislauf erzeugen.
Schwache Konjunktur. Weniger Gewinne. Schwächere Bilanzen. Strengere Kredite. Weniger Investitionen. Geringere Produktivitätssteigerung und dadurch erneut schwächere Wettbewerbsfähigkeit.
Genau deshalb ist Finanzierung nicht nur ein Bankenthema.
Sie kann selbst Teil der Konjunktur werden.
Unternehmen verlieren Vertrauen in Fremdfinanzierung
Besonders bemerkenswert ist der langfristige Rückgang der Kreditbereitschaft.
2017 waren noch 66 Prozent der Mittelständler grundsätzlich bereit, Bankkredite für Investitionen zu nutzen.
2026 nur noch 27 Prozent.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Banken allein verantwortlich sind.
Viele Unternehmen wollen sich wegen wirtschaftlicher Unsicherheit schlicht nicht verschulden.
Aber wenn Fremdfinanzierung grundsätzlich gemieden wird, werden Investitionen stärker davon abhängig, wie viel Liquidität ein Unternehmen selbst besitzt.
Das bevorzugt profitable, bereits starke Betriebe.
Schwächere Unternehmen investieren weniger und damit kann sich die wirtschaftliche Kluft weiter vergrößern.
Digitalisierung leidet besonders unter Finanzierungshürden
Digitalisierungsprojekte besitzen aus Sicht klassischer Kreditgeber ein Problem:
Eine neue Maschine kann als Sicherheit dienen.
Software, Datenstrukturen oder Prozesswissen sind schwerer zu verwerten.
KfW weist darauf hin, dass sich die Finanzierung von Digitalisierungsprojekten deutlich von materiellen Investitionen unterscheidet und interne Mittel dort eine besonders große Rolle spielen.
Das kann ausgerechnet diejenigen Projekte bremsen, die Deutschlands Produktivität langfristig erhöhen sollen.
Kreditprogramme dürfen nicht zusätzliche Bürokratie erzeugen
Eine Finanzierung hilft nur, wenn sie erreichbar ist.
Wenn kleine Unternehmen für einen Förderkredit:
umfangreiche Gutachten, komplexe Formulare, mehrere Beratungsstellen und lange Prüfzeiten benötigen, sinkt der praktische Nutzen.
Gerade kleine Unternehmen brauchen einfache, nachvollziehbare Wege.
Perspektivenwechsel
In Deutschland wird häufig gefragt:
Warum investieren Unternehmen nicht mehr?
Vielleicht lautet eine bessere Frage:
Unter welchen Bedingungen würde ein Unternehmer heute tatsächlich investieren?
Stellen wir uns einen Betrieb vor.
Die Auftragslage ist unsicher. Energiepreise schwanken. Regulierung verändert sich. Die Bank verlangt zusätzliche Sicherheiten.
Der Unternehmer weiß nicht, wie die Nachfrage in zwei Jahren aussieht, dann ist Investitionszurückhaltung keine Irrationalität.
Sie kann eine nachvollziehbare Reaktion sein und damit verändert sich die Perspektive.
Unternehmen brauchen nicht nur Förderprogramme.
Sie brauchen Investitionssicherheit.
Das bedeutet nicht garantierte Gewinne.
Unternehmertum bleibt Risiko.
Aber politische Rahmenbedingungen, Finanzierung und Genehmigungen müssen so verlässlich sein, dass wirtschaftliches Risiko wieder kalkulierbar wird.
Der Mittelstand braucht nicht weniger unternehmerisches Risiko. Er braucht weniger vermeidbare Unsicherheit rund um dieses Risiko.
Was wir wissen
Im zweiten Quartal 2026 berichteten 40,5 Prozent der kreditinteressierten Mittelständler von restriktiven Banken. Das ist der höchste Wert seit Beginn der KfW-ifo-Kredithürde im Jahr 2017.
Bei Großunternehmen lag der entsprechende Anteil bei 32,9 Prozent.
Die KfW-Unternehmensbefragung 2026 zeigt ebenfalls eine Verschlechterung des Finanzierungsklimas. Nur 24 Prozent der Unternehmen bewerteten den Kreditzugang als leicht, rund 26 Prozent als schwierig.
Gleichzeitig sinkt die Kreditnachfrage. In den zwölf Monaten vor Beginn der KfW-Unternehmensbefragung hatten 45 Prozent der Unternehmen Kreditverhandlungen geführt – rund vier Prozentpunkte weniger als in der vorherigen Befragung.
Nur noch 27 Prozent der Mittelständler ziehen grundsätzlich einen Bankkredit für Investitionen in Betracht. 2023 waren es 42 Prozent und 2017 66 Prozent.
Was noch unklar ist
Die hohe Kredithürde betrifft ausdrücklich Unternehmen, die überhaupt Kreditgespräche geführt haben.
Sie bedeutet nicht, dass 40,5 Prozent sämtlicher deutschen Mittelständler keinen Kredit bekommen.
Gemessen wird die Wahrnehmung restriktiven Bankverhaltens innerhalb der kreditinteressierten Unternehmen.
Auch lässt sich aus den Daten nicht ableiten, dass sämtliche abgelehnten oder erschwerten Kredite wirtschaftlich sinnvoll gewesen wären.
Banken müssen Risiken prüfen.
Gerade nach Jahren schwacher Konjunktur können strengere Kreditstandards auch Ausdruck tatsächlicher Unternehmensrisiken sein.
Offen bleibt außerdem, wie schnell sich die Situation verbessert, wenn sich die Konjunktur stabilisiert.
KfW berichtet zwar zuletzt von besseren Geschäftserwartungen im Mittelstand, gleichzeitig bleiben Kredithürden und Investitionstätigkeit angespannt.
Was als Nächstes wichtig wird
In den kommenden Quartalen sollten mehrere Entwicklungen beobachtet werden.
Sinkt die KfW-ifo-Kredithürde wieder?
Steigt der Anteil der Unternehmen, die Kreditgespräche führen?
Verbessert sich die Bonität der Mittelständler?
Werden wieder mehr langfristige Investitionskredite nachgefragt?
Steigen Maschinen- und Digitalinvestitionen?
Und besonders wichtig:
Erreichen Finanzierungsinstrumente auch kleine Unternehmen?
Für Unternehmen wird gleichzeitig wichtiger, Finanzierung als Teil der Strategie zu betrachten.
Nicht erst:
Wir brauchen morgen 500.000 Euro.
Sondern frühzeitig:
Welche Investitionen stehen in den nächsten fünf Jahren an?
Wie viel können wir selbst finanzieren?
Welche Projekte benötigen Fremdkapital?
Welche Förderprogramme passen?
Welche Risiken müssen wir gegenüber Banken erklären können?
Und welche Investitionen verbessern anschließend so stark unsere Produktivität, dass sie sich selbst tragen können?
Einordnung von ROQ News
Deutschland fordert zu Recht mehr Investitionen, doch Investitionen entstehen nicht durch Appelle.
Sie benötigen:
eine Idee, Vertrauen, Kapital und Umsetzung.
Genau beim Kapital zeigt sich aktuell eine Schwachstelle.
Vier von zehn kreditinteressierten Mittelständlern empfinden Banken als restriktiv.
Gleichzeitig wollen immer weniger Unternehmen überhaupt einen Bankkredit aufnehmen.
Das ist eine gefährliche Kombination, denn Deutschland steht gleichzeitig vor enormen Aufgaben.
Digitalisierung. KI. Energiewende. Automatisierung. Infrastruktur. Unternehmensnachfolge und neue Produktionskapazitäten.
All das kostet zunächst Geld, bevor es Produktivität erzeugt, deshalb darf Wachstumsstrategie nicht nur aus der Forderung bestehen:
Investiert mehr.
Sie muss auch beantworten:
Wie können tragfähige Investitionen finanziert werden?
Dabei darf die Lösung nicht sein, jedes wirtschaftliche Risiko auf den Staat zu übertragen.
Unternehmertum braucht Risiko.
Banken müssen Risiken prüfen, aber wenn grundsätzlich solide Unternehmen sinnvolle Zukunftsinvestitionen nicht finanzieren können, entsteht ein volkswirtschaftliches Problem.
Deutschlands Investitionswende entscheidet sich nicht nur daran, ob Unternehmen investieren wollen. Sie entscheidet sich auch daran, ob gute Zukunftsprojekte überhaupt finanzierbar bleiben.
Michael Langner
Gründer & CEO von Cast RoyalQuellen
- Sonstige · veröffentlicht 07.07.2026 · abgerufen 30.08.2026
- Sonstige · veröffentlicht 14.04.2026
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Unternehmensbefragung – KFWSonstige · abgerufen 30.08.2026
- Sonstige · abgerufen 30.08.2026
- Sonstige · veröffentlicht 15.07.2026
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