High Performance vs. Smart Performance… Warum wir nicht härter arbeiten müssen, sondern unser Arbeitssystem rekonstruieren

Thema: Perspektivwechsel

Herzlich willkommen zu meinem neuen Blogbeitrag.

Mein Name ist Michael Langner von Cast Royal und heute möchte ich über etwas sprechen, das in unserer Arbeitswelt fast schon zu einer Religion geworden ist:

High Performance.

Mehr leisten. Mehr schaffen. Schneller werden. Disziplinierter sein. Früher anfangen. Später aufhören. Noch ein Termin, noch ein Meeting, noch eine Aufgabe.

Und bevor wir uns falsch verstehen: Ich habe überhaupt nichts gegen Leistung.

Im Gegenteil.

Leistung schafft Unternehmen, Innovationen, Wohlstand und Fortschritt.

Aber ich glaube, wir verwechseln seit Jahren zwei vollkommen unterschiedliche Dinge:

hohe Leistung und hohen Aufwand.

Und genau deshalb möchte ich einen anderen Begriff dagegenstellen:

Smart Performance.

Nicht weniger leisten.

Sondern ein System schaffen, in dem aus derselben menschlichen Energie wesentlich mehr Wirkung entstehen kann.

Das Problem ist nicht der Mensch… sondern häufig das System um ihn herum

Stell dir ein Unternehmen vor, dessen Produktion seit dreißig Jahren nicht grundlegend modernisiert wurde.

Die Maschinen laufen noch.

Irgendwie.

Ein Mitarbeiter trägt Material von Maschine A zu Maschine B. Dort wartet es zwanzig Minuten. Anschließend wird es bearbeitet und zu Maschine C transportiert. Dort fehlen Informationen, also telefoniert jemand mit einer anderen Abteilung.

Am Ende entsteht tatsächlich ein Produkt.

Jetzt könnte die Geschäftsführung sagen:

„Wir müssen produktiver werden. Die Mitarbeiter müssen mehr leisten.“

Oder sie könnte etwas vollkommen anderes tun.

Sie könnte die gesamte Produktionslinie auseinandernehmen und fragen:

Warum arbeiten wir überhaupt so?

Genau diesen Gedanken müssen wir auf unsere Arbeitswelt übertragen.

Denn ein großer Teil unserer heutigen Arbeitsorganisation stammt aus einer Zeit, in der Informationen, Kommunikation und Technologie vollkommen anders funktioniert haben.

Trotzdem versuchen wir, aus diesem alten System immer noch mehr Leistung herauszupressen.

Das ist High Performance im schlechtesten Sinne.

Wir tunen den Motor, obwohl eigentlich das gesamte Fahrzeug rekonstruiert werden müsste.

Acht Stunden Anwesenheit sind keine acht Stunden Wertschöpfung

Das beginnt bereits bei unserer Vorstellung von Arbeitszeit.

Ein Mensch kommt morgens ins Unternehmen.

Er öffnet sein E-Mail-Postfach.

Dann findet ein Meeting statt.

Danach beantwortet er Nachrichten.

Zwischendurch sucht er eine Datei.

Anschließend überträgt er Informationen aus einem System in ein anderes.

Dann kommt eine Rückfrage.

Noch ein Meeting.

Eine Excel-Tabelle muss aktualisiert werden.

Ein Kollege braucht Informationen.

Am Ende des Tages war dieser Mensch acht Stunden beschäftigt, aber wie viele dieser acht Stunden haben tatsächlich einen Wert geschaffen?

Das ist eine unangenehme Frage, denn unsere Arbeitswelt misst erstaunlich häufig Aktivität statt Wirkung.

Wir sehen, dass jemand arbeitet.

Wir sehen aber nicht unbedingt, ob das Arbeitssystem sinnvoll gestaltet ist und wenn die Ergebnisse nicht ausreichen, lautet die Antwort häufig:

Mehr Einsatz, mehr Kontrolle, mehr Druck, mehr High Performance.

Dabei könnte das eigentliche Problem ganz woanders liegen.

Smart Performance stellt eine andere Frage

High Performance fragt:

„Wie bekomme ich mehr Leistung aus einem Menschen?“

Smart Performance fragt:

„Wie muss ich das System gestalten, damit menschliche Leistung dort eingesetzt wird, wo sie tatsächlich Wert erzeugt?“

Das ist ein gewaltiger Unterschied, denn vielleicht muss der Mitarbeiter überhaupt nicht schneller arbeiten.

Vielleicht muss die Aufgabe verschwinden.

Vielleicht kann Software sie automatisieren.

Vielleicht können zwei Systeme direkt miteinander kommunizieren.

Vielleicht ist das Meeting überflüssig.

Vielleicht muss die Information nicht dreimal dokumentiert werden.

Vielleicht braucht es keine weitere Kontrolle, sondern einen klareren Prozess.

Und plötzlich entsteht Produktivität nicht dadurch, dass Menschen schneller rennen.

Sondern dadurch, dass wir ihnen weniger unnötige Wege bauen.

Unternehmen brauchen manchmal keine Optimierung mehr… sondern Rekonstruktion

Genau hier gefällt mir der Vergleich mit einer alten Maschine.

Irgendwann erreicht man einen Punkt, an dem weitere Reparaturen kaum noch etwas bringen.

Dann tauscht man ein Teil aus.

Danach das nächste.

Dann baut man einen neuen Motor ein.

Man installiert moderne Elektronik, aber die gesamte Konstruktion stammt immer noch aus einer anderen Zeit.

Irgendwann muss jemand sagen:

Wir hören auf, dieses System permanent zu flicken. Wir bauen es neu.

Genau diesen Punkt erreichen aus meiner Sicht viele Unternehmen bei ihrer Arbeitsorganisation.

Digitalisierung bedeutet dann nicht, das alte Formular als PDF bereitzustellen.

Künstliche Intelligenz bedeutet nicht, dass Mitarbeiter ihre bisherigen ineffizienten Prozesse jetzt mit ChatGPT etwas schneller erledigen.

Automatisierung bedeutet nicht, einen schlechten Prozess automatisch auszuführen, denn ein schlechter Prozess wird durch Technologie nicht automatisch gut.

Manchmal wird er lediglich schneller schlecht.

Die eigentliche digitale Transformation beginnt deshalb eine Ebene früher.

Wir müssen den Prozess auseinandernehmen.

Welche Aufgabe erzeugt tatsächlich Wert?

Welche Information wird benötigt?

Wo entsteht sie?

Wer benötigt sie?

Warum wird sie mehrfach eingegeben?

Welche Entscheidung muss ein Mensch treffen?

Welche Routine kann eine Maschine übernehmen?

Welche Arbeit kann komplett verschwinden?

Und erst danach sollten wir Technologie einsetzen.

Das ist Smart Performance.

Die wertvollste menschliche Leistung ist häufig genau das, was sich schlecht messen lässt

Das führt zu einem weiteren Problem unserer alten Arbeitswelt.

Wir können relativ einfach messen, wie viele Stunden jemand gearbeitet hat.

Viel schwieriger ist es zu messen, welchen Wert eine gute Idee besitzt.

Ein Mitarbeiter kann drei Stunden über ein Problem nachdenken und anschließend einen Prozess verändern, der dem Unternehmen über Jahre tausende Arbeitsstunden erspart.

War dieser Mensch drei Stunden produktiv?

Oder hat er gerade mehr Wert geschaffen als jemand, der drei Wochen lang Tabellen ausgefüllt hat?

Genau deshalb müssen wir aufpassen, Produktivität nicht mit sichtbarer Beschäftigung zu verwechseln.

Die moderne Wirtschaft braucht zunehmend Menschen, die Probleme erkennen, Zusammenhänge verstehen, Entscheidungen treffen, kreativ denken und Technologien sinnvoll einsetzen.

Und genau diese Menschen benötigen manchmal etwas, das in klassischen High-Performance-Kulturen beinahe verdächtig wirkt:

Zeit zum Denken.

KI macht diese Diskussion noch wichtiger

Künstliche Intelligenz verschärft diese Entwicklung enorm.

Wenn ein Mitarbeiter für eine Aufgabe früher drei Stunden benötigte und sie mit KI innerhalb von dreißig Minuten erledigen kann, haben wir zwei Möglichkeiten.

Wir können sagen:

Super, dann bekommt er jetzt einfach sechsmal so viele Aufgaben.

Das wäre die alte Logik.

Oder wir fragen:

Was machen wir mit den zweieinhalb Stunden, die gerade frei geworden sind?

Könnte dieser Mensch Kunden besser betreuen?

Neue Ideen entwickeln?

Prozesse verbessern?

Etwas lernen?

Ein neues Produkt entwickeln?

Probleme lösen, für die bisher niemand Zeit hatte?

Genau dort entscheidet sich, ob Technologie lediglich den Arbeitsdruck erhöht oder tatsächlich Produktivität erzeugt.

Wenn jede Effizienzsteigerung automatisch nur mit noch mehr Arbeit gefüllt wird, haben wir technologischen Fortschritt erreicht, aber keinen Fortschritt im Arbeitssystem.

Smart Performance bedeutet nicht Bequemlichkeit

Das ist mir wichtig.

Smart Performance bedeutet nicht, möglichst wenig zu arbeiten.

Es bedeutet auch nicht, Leistung abzulehnen.

Im Gegenteil.

Smart Performance kann extrem leistungsorientiert sein, aber die Leistung wird anders organisiert.

Ein High-Performance-System sagt:

„Gib alles.“

Ein Smart-Performance-System fragt:

„Wofür lohnt es sich, alles zu geben?“

Denn Menschen besitzen keine unbegrenzte Energie.

Deshalb sollten Unternehmen diese Energie nicht für Prozesse verschwenden, die keinen echten Wert erzeugen.

Die beste Fachkraft sollte nicht jeden Tag zwei Stunden Informationen suchen.

Der beste Verkäufer sollte nicht einen halben Arbeitstag mit interner Administration verbringen.

Ein Entwickler sollte nicht ständig durch unnötige Meetings aus konzentrierter Arbeit gerissen werden.

Und ein Unternehmer sollte nicht jede Kleinigkeit selbst erledigen müssen, nur weil sein Unternehmen keine vernünftigen Systeme besitzt.

Das ist keine Leistungskultur.

Das ist organisierte Verschwendung von Leistung.

Die Arbeitswelt braucht deshalb eine Rekonstruktion

Vielleicht sollten wir Unternehmen einmal so betrachten, als würden wir sie heute neu gründen.

Ohne bestehende Abteilungen.

Ohne alte Software.

Ohne historisch gewachsene Prozesse.

Ohne den Satz:

„Das haben wir schon immer so gemacht.“

Wie würden wir dieses Unternehmen heute bauen?

Welche Aufgaben würden Menschen übernehmen?

Welche Aufgaben würden Maschinen erledigen?

Welche Informationen würden automatisch fließen?

Welche Meetings würden überhaupt noch existieren?

Wie würden Entscheidungen getroffen?

Wie würden Mitarbeiter lernen?

Und vor allem:

Würden wir wirklich wieder eine Arbeitswelt bauen, in der Anwesenheit häufig leichter messbar ist als Wertschöpfung?

Wahrscheinlich nicht.

Genau deshalb glaube ich, dass die nächste große Produktivitätswelle nicht allein durch künstliche Intelligenz entstehen wird.

Sie entsteht durch Unternehmen, die bereit sind, ihre gesamte Arbeitsorganisation neu zu denken.

KI, Automatisierung, Software, Daten, flexible Arbeit, Weiterbildung, klare Prozesse, Eigenverantwortung.

All diese Dinge sind nur einzelne Bausteine.

Entscheidend ist das System, das daraus entsteht.

Vielleicht ist High Performance deshalb gar nicht das Ziel

Ein Unternehmen braucht leistungsfähige Menschen.

Natürlich.

Aber selbst der leistungsfähigste Mensch wird irgendwann ineffizient, wenn das System um ihn herum schlecht konstruiert ist.

Du kannst einen Formel-1-Fahrer in einen alten Lieferwagen setzen.

Er wird wahrscheinlich mehr aus diesem Fahrzeug herausholen als die meisten anderen, aber irgendwann erreicht auch er die Grenze der Maschine.

Dann bringt es nichts mehr, dem Fahrer zuzurufen:

„Fahr härter!“

Wir müssen ihm ein besseres Fahrzeug geben.

Genau dort liegt für mich der Unterschied zwischen High Performance und Smart Performance.

High Performance versucht häufig, den Menschen zu optimieren.

Smart Performance optimiert das Zusammenspiel aus Mensch, Technologie und System.

Und vielleicht ist genau das die Arbeitswelt, die wir jetzt bauen müssen.

Nicht eine Welt, in der Menschen immer schneller laufen, sondern eine, in der wir endlich aufhören, sie unnötige Wege laufen zu lassen.

Nicht mehr Arbeit. Nicht weniger Leistung.

Sondern mehr Wirkung aus der Arbeit, die wir leisten.

Vielleicht sollten Unternehmen deshalb nicht zuerst fragen:

„Wie bekommen wir unsere Mitarbeiter dazu, noch produktiver zu arbeiten?“

Sondern:

„Wenn wir unser Unternehmen heute auf der grünen Wiese komplett neu bauen würden… welche unserer heutigen Arbeitsweisen würden wir freiwillig wieder einführen?“

Wenn die Antwort bei erstaunlich vielen Prozessen „keine“ lautet, haben wir wahrscheinlich kein Performance-Problem.

Wir haben ein Systemproblem und Systeme kann man verändern.

Bis zum nächsten Beitrag.

Dein Michael Langner von Cast Royal, 25.09.2026

Michael Langner
Verfasst von

Michael Langner

Performance mit Köpfchen

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