Die zwei Innovationstypen… und Deutschlands eigentliches Denkproblem

Thema: Perspektivwechsel

Herzlich willkommen zu meinem neuen Blogbeitrag.

Mein Name ist Michael Langner von Cast Royal und heute mรถchte ich รผber Innovation sprechen. Allerdings nicht darรผber, welches Land gerade die meisten Patente anmeldet oder welches Unternehmen die nรคchste kรผnstliche Intelligenz entwickelt.

Mich beschรคftigt eine grundsรคtzlichere Frage.

Warum sind manche Lรคnder hervorragend darin, bestehende Technologien immer besser zu machen, wรคhrend andere immer wieder vollkommen neue Mรคrkte erschaffen?

Ich glaube, dass wir Innovation dafรผr zunรคchst in zwei unterschiedliche Typen aufteilen mรผssen.

Da ist auf der einen Seite der Erfinder.

Er schaut nicht auf das bestehende Produkt und fragt, wie er es um fรผnf Prozent verbessern kann. Er stellt die viel unbequemere Frage:

Warum machen wir das รผberhaupt so?

Dieser Mensch entwickelt etwas, fรผr das mรถglicherweise noch gar kein Markt existiert. Vielleicht gibt es noch keine Kunden, keine Infrastruktur und nicht einmal ein gesellschaftliches Verstรคndnis dafรผr, warum seine Idee irgendwann wichtig werden kรถnnte.

Genau deshalb ist dieser Innovationstyp riskant.

Von hundert Ideen funktionieren vielleicht neunzig nicht, aber die wenigen, die funktionieren, kรถnnen ganze Mรคrkte verรคndern.

Der zweite Innovationstyp arbeitet vollkommen anders.

Ich nenne ihn den Verfeinerer.

Er nimmt etwas, das grundsรคtzlich bereits funktioniert, und macht daraus ein besseres Produkt. Er verbessert Qualitรคt, Sicherheit, Produktion, Zuverlรคssigkeit, Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Aus einer interessanten Technologie wird dadurch irgendwann eine industrielle Lรถsung.

Und genau darin ist Deutschland traditionell enorm stark.

Unsere Stรคrke liegt in Ingenieurskunst, Maschinenbau, Produktion, Chemie, Fahrzeugbau, Medizintechnik und einem hoch spezialisierten Mittelstand.

Wir kรถnnen Dinge unglaublich gut machen und manchmal machen wir sie anschlieรŸend noch besser.

Das ist eine gewaltige wirtschaftliche Stรคrke und genau deshalb wรคre es falsch, die beiden Innovationstypen gegeneinander auszuspielen.

Wir brauchen beide.

Aber genau an dieser Stelle beginnt fรผr mich das eigentliche Denkproblem.

Was passiert, wenn eine Volkswirtschaft hauptsรคchlich verfeinert?

Der Verfeinerer benรถtigt etwas, das er verfeinern kann.

Und wenn die grundlegende Innovation zunehmend anderswo entsteht, verรคndert sich langfristig auch die wirtschaftliche Abhรคngigkeit.

Schauen wir auf die digitale Welt.

Suchmaschinen wurden nicht in Deutschland zum globalen Massenmarkt aufgebaut. Die dominierenden Smartphone-Betriebssysteme ebenfalls nicht. Viele der weltweit fรผhrenden Cloud-Plattformen kommen nicht aus Deutschland. Bei sozialen Netzwerken sieht es รคhnlich aus, und auch bei der aktuellen KI-Welle sitzen viele der Unternehmen, die grundlegende Plattformen entwickeln und global skalieren, auรŸerhalb Deutschlands.

Deutsche Unternehmen kรถnnen diese Technologien hervorragend einsetzen.

Sie kรถnnen sie in Maschinen integrieren, Produktionsprozesse verbessern und daraus spezialisierte Anwendungen entwickeln.

Das ist Innovation.

Aber wir mรผssen uns eine unangenehme Frage stellen:

Wollen wir dauerhaft hauptsรคchlich die Technologien anderer perfektionieren… oder wollen wir wieder hรคufiger Technologien erschaffen, die andere anschlieรŸend perfektionieren?

Genau darin sehe ich den entscheidenden Unterschied.

Europa braucht nicht weniger Verfeinerer. Es braucht mehr Erfinder.

Wir sollten deshalb nicht versuchen, unsere vorhandene Stรคrke abzubauen.

Das wรคre absurd.

Deutschland braucht weiterhin Menschen, die Maschinen zuverlรคssiger machen, Prozesse optimieren, Produkte sicherer entwickeln und aus Technologien industrielle Lรถsungen bauen.

Der Fehler liegt woanders.

Wir behandeln den ersten Innovationstyp hรคufig nach den Regeln des zweiten.

Von einer Verbesserung kรถnnen wir relativ frรผh verlangen, dass sie funktioniert. Wir kennen das Produkt, den Markt und hรคufig sogar den Kunden.

Bei einer wirklichen Erfindung kennen wir all das mรถglicherweise noch nicht.

Und trotzdem mรถchten wir Businessplรคne.

Wir mรถchten Berechenbarkeit.

Wir mรถchten mรถglichst frรผh wissen, wann sich die Investition rentiert.

Wir mรถchten Risiken minimieren.

Wir mรถchten Beweise dafรผr, dass eine Idee funktioniert, bevor jemand ausreichend Raum bekommen hat, sie รผberhaupt auszuprobieren.

Genau hier kollidieren zwei vollkommen unterschiedliche Innovationslogiken.

Der Verfeinerer reduziert Unsicherheit. Der Erfinder arbeitet mitten in ihr.

Wenn wir beide nach denselben MaรŸstรคben bewerten, gewinnt fast automatisch der Verfeinerer.

Sein Projekt ist einfacher zu erklรคren.

Der Markt existiert bereits.

Das Risiko lรคsst sich besser berechnen.

Der Nutzen ist schneller sichtbar.

Beim Erfinder sieht es zunรคchst hรคufig vollkommen anders aus.

Seine Idee kann unrealistisch wirken.

Vielleicht scheitert der erste Prototyp.

Vielleicht auch der zweite.

Vielleicht stellt sich nach einem Jahr heraus, dass die ursprรผngliche Idee gar nicht funktioniert… aber wรคhrend der Entwicklung wurde etwas vollkommen anderes entdeckt.

Genau diese Unsicherheit mรผssen wir aushalten kรถnnen, wenn wir wirkliche Innovation wollen.

Vielleicht ist das unser eigentliches Innovationsproblem

Wir sprechen in Deutschland hรคufig darรผber, dass wir innovativer werden mรผssen.

Dann schaffen wir Fรถrderprogramme, Innovationszentren und Digitalstrategien.

Das alles kann sinnvoll sein, aber Innovation ist nicht zuerst eine Frage des Geldes.

Sie ist eine Frage der Denkweise.

Wie behandeln wir Menschen, die etwas versuchen, dessen Erfolg noch niemand beweisen kann?

Sagen wir ihnen zuerst, warum es wahrscheinlich nicht funktioniert?

Oder geben wir ihnen einen Raum, in dem sie herausfinden kรถnnen, ob es funktioniert?

Genau hier kรถnnen wir von der Denkweise lernen, die erfolgreiche Innovationsregionen stark gemacht hat.

Nicht jede verrรผckte Idee ist genial.

Die meisten werden wahrscheinlich scheitern.

Das ist vollkommen normal.

Die Kunst besteht darin, aus hundert Experimenten diejenigen zu erkennen, aus denen etwas GroรŸes entstehen kรถnnte.

Und wenn wir eines gefunden haben, kommt Deutschlands groรŸe Stรคrke ins Spiel.

Dann brauchen wir den zweiten Innovationstyp.

Den Ingenieur.

Den Mittelstรคndler.

Den Produktionsspezialisten.

Den Menschen, der aus einem wilden Prototyp ein zuverlรคssiges Produkt macht.

Plรถtzlich werden aus zwei unterschiedlichen Denkweisen keine Konkurrenten mehr.

Sie werden zu einer Innovationskette.

Der Erfinder schafft das Neue. Der Verfeinerer macht es groรŸ.

Und genau diese Verbindung kรถnnte eine enorme Chance fรผr Deutschland und Europa sein.

Denn wir mรผssen unsere industrielle Stรคrke nicht gegen die digitale Zukunft eintauschen.

Wir mรผssen sie mit einer stรคrkeren Erfinderkultur verbinden.

Stell dir vor, wir wรผrden die Prรคzision des deutschen Mittelstands mit einer Kultur kombinieren, die radikale Experimente stรคrker zulรคsst.

Wir hรคtten Menschen, die neue Technologien erschaffen, und gleichzeitig Unternehmen, die wissen, wie man daraus zuverlรคssige Produkte entwickelt, sie produziert und international skaliert.

Dann mรผssten wir nicht versuchen, das Silicon Valley zu kopieren.

Wir kรถnnten etwas Eigenes entwickeln.

Genau deshalb mรผssen wir unser Verstรคndnis von Innovation erweitern

Nicht jeder Mensch muss Erfinder sein und nicht jeder Erfinder wรคre ein guter Verfeinerer.

Das ist vollkommen in Ordnung.

Wir brauchen Menschen, die eine weiรŸe Leinwand lieben und bei null anfangen.

Und wir brauchen Menschen, die auf diese Leinwand schauen und sofort erkennen, wie aus einer groben Idee ein funktionierendes System werden kann.

Das Problem beginnt erst dann, wenn eine Gesellschaft nur noch einen dieser Typen fรถrdert.

Ohne Verfeinerer bleiben Erfindungen hรคufig Experimente.

Ohne Erfinder perfektionieren Verfeinerer irgendwann hauptsรคchlich die Vergangenheit.

Und genau deshalb glaube ich, dass wir in Deutschland nicht weniger von dem brauchen, was uns stark gemacht hat.

Wir brauchen etwas zusรคtzlich.

Mehr Raum fรผr Menschen, die ausprobieren.

Mehr Akzeptanz fรผr Ideen, deren Markt noch nicht existiert.

Mehr Mut zum Scheitern.

Und vor allem mehr Geduld mit Menschen, die nicht zuerst optimieren wollen, sondern etwas erschaffen mรถchten, das es bisher รผberhaupt nicht gibt.

Denn vielleicht liegt unser grรถรŸtes Innovationsproblem gar nicht darin, dass Deutschland zu wenig Wissen besitzt.

Vielleicht versuchen wir einfach zu hรคufig, Erfinder mit den MaรŸstรคben von Verfeinerern zu beurteilen.

Und genau das sollten wir รคndern.

Denn wirtschaftliche Zukunft entsteht nicht nur dadurch, dass wir das Bestehende immer besser machen.

Sie entsteht auch durch Menschen, die irgendwann sagen:

โ€žWarum verbessern wir das eigentlich noch? Lass uns etwas vollkommen Neues bauen.โ€œ

Und wenn diese Menschen anschlieรŸend auf diejenigen treffen, die aus ihrer Idee ein perfektes Produkt machen kรถnnen, entsteht genau das, was wir brauchen:

Nicht Aufholen. Sondern Gestalten.

Bis zum nรคchsten Beitrag.

Dein Michael Langner von Cast Royal, 25.09.2026

Michael Langner
Verfasst von

Michael Langner

Performance mit Kรถpfchen

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